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Neuer Krimi von Olaf Kühl : Wahrheit als Religionsersatz

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Kalter Krieg, das war gestern: Heute ist die Situation verfeindeter Lager in Berlin so nebulös wie das Winterwetter der Hauptstadt. Bild: dpa

Liebesgrüße aus Berlin: Olaf Kühl spielt in seinem neuen Roman mit den Regeln des Spionagethrillers und erzählt von toten Überläufern und einem seltsamen Pärchen.

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          Die entscheidende Frage könnte philosophischer nicht sein: Was ist die Wahrheit? Darum geht es zwar in jedem Krimi, doch Olaf Kühls Spionagethriller „Letztes Spiel Berlin“ will es genauer wissen, wie sich schon dem vorangestellten Bibel-Zitat entnehmen lässt: „Ihr werdet die Wahrheit kennenlernen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Wann aber ist man frei? Und gibt es einen Unterschied zwischen persönlicher, politischer und historischer Wahrheit? Auf der Suche nach Antworten erzählt der Autor eine Geschichte, die wie das Echo großer Agentenstorys aus dem Kalten Krieg erscheint.

          Paweł, polnischer Nietzsche-Enthusiast und das Gegenteil des Übermenschen, führt ein improvisiertes Leben in Berlin. Ohne seine Frau, die als Therapeutin arbeitet und das Geld ranschafft, säße er auf der Straße, ohne seine kurdische Geliebte in puncto Romantik auf dem Trockenen. Eines Tages verschwindet sein politisch radikaler, schwuler Freund Konrad, der alles, was „linken Wolkenkuckucksheimern so durch den Kopf geht“, verinnerlicht hat. Paweł sucht ihn, lernt dabei die siebzehnjährige Jana kennen und verliebt sich unsterblich in sie. Als heruntergekommener Humbert-Humbert-Verschnitt aus Moabit begibt er sich mit seiner Lolita auf Recherchetour, wobei er Konrad bald nur noch als Aufhänger für weitere Liebestreffen zu schätzen weiß. Was mit dem Freund tatsächlich passiert ist, interessiert ihn nicht mehr.

          Olaf Kühl: „Letztes Spiel Berlin“. Roman. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2019. 352 S., geb., 22,– Euro.

          Ganz im Gegensatz zur CIA. Der amerikanische Auslandsgeheimdienst hält Konrad für den Mörder eines russischen Überläufers und beschattet, um an ihn heranzukommen, ausgerechnet den ins Hingabenirwana schlitternden Paweł. Die Beamten verwanzen dessen Wohnung und werden am Ende Ohrenzeugen privater, nicht politischer Wahrheiten: Streit, Türenknallen, Ehekrise. Hier marschiert kein Spion mehr aus der Kälte hinaus, hier gehen Eheleute in die Kälte hinein. Olaf Kühl mobilisiert das ganze Inventar des Agentenromans, um andauernd ins Beziehungsfach zu wechseln oder einstige Gewissheiten geradezurücken: Die Vereinigten Staaten gegen die Sowjetunion, das war mal der wichtigste Konflikt der Welt. Heute ist die Lage unübersichtlich geworden. Kurden, Türken, Ukrainer, Polen, Deutsche und Amerikaner verfolgen Interessen, die vor allem eines verdeutlichen – es wächst nirgends zusammen, was eventuell zusammengehört.

          Eine Ausnahme bilden der Erzähler und seine Figuren. Immer wieder schmiegt er sich so eng an sie, dass er sich ihrer Sprache bedient, wobei mitunter ideologisch abgestandene Linkenfolklore herauskommt: „Gefangen in den ökonomischen Zwängen des Systems, hetzten die Menschen zu ihrer Arbeit, saßen, wenn auch um diese frühe Stunde nicht sehr zahlreich, als selbstausbeutende Existenzen mit ihrem Laptop an Kaffeehaustischen und wähnten sich dabei großartig frei.“ Die reaktionäre Variante klingt keinen Deut besser: „Er sympathisierte mit der neuen amerikanischen Revolution, wollte mit dem Präsidenten den Sumpf in Washington trockenlegen. Einer von den jungen, weißen Kräften gegen das verfaulte Establishment der Ostküste.“ Paweł darf im Gegensatz zum Rest des Personals als Ich-Erzähler auftreten und mit lyrischer Unmittelbarkeit von seiner Liebe schwärmen: „Ihr Blick fing das Licht dieser Welt ein und war stark genug, es auch zu ertragen.“

          Dass Jana tatsächlich ein äußerst kompliziertes Mädchen ist, welches eine Idée fixe mit sich herumträgt, muss sich Paweł von seiner Frau erklären lassen. Sie, Jana, vergöttere die Wahrheit als Religionsersatz und verstehe nicht, dass es absolute Sicherheiten niemals geben könne. Die salomonische Lösung, auf welche dieser feinnervige und kluge Roman allenthalben hinausläuft: Alles hängt vom Standpunkt, den Umständen und der Zeit ab. Insofern handelt es sich bei dem Eingangszitat um einen kleinen Etikettenschwindel. Niemand findet in Olaf Kühls Thriller die letzte Wahrheit – von der großen Freiheit ganz zu schweigen.

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