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Krimi von Nathaniel Rich : Satansmusik mit tödlichen Folgen

  • -Aktualisiert am

Schwindelerregende Raserei: Trompeter Louis Armstrong in einer Szene aus dem Film „Pennies from Heaven“ Bild: ddp/Everett Collection

New Orleans im Jahr 1918: Nathaniel Rich führt in eine Stadt im Fieberwahn und zeigt, dass sich an der Problemlage bis heute wenig geändert hat.

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          Die Maßnahmen sind drastisch, aber nötig. Hunderttausende Menschen haben sich in Louisiana schon infiziert. Greift der Staat nicht ein, wird sich das Virus ungehindert verbreiten. Die Folgen wären fatal. Deswegen werden ab sofort alle Schulen und Colleges, Kinos und Theater geschlossen, sämtliche Konzerte und Sportveranstaltungen abgesagt, Menschenansammlungen auf Straßen verboten. Wir schreiben das Jahr 1918 und befinden uns in New Orleans. Der Erste Weltkrieg ist fast vorbei und hat siebzehn Millionen Tote gefordert. Nun rollt die Spanische Grippe an, der am Ende, aber das ahnt bislang niemand, noch mehr Menschen zum Opfer fallen werden.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Angesicht großer Gefahr kommen die Leute auf seltsame Ideen. So warnt ein Prediger, der seinem Sendungsbewusstsein freien Lauf lässt, mit einem Schild, auf dem zu lesen steht: „Jazz ist tödlich.“ Metaphorisch liegt der Geistliche in „King Zeno“, dem dritten Roman des 1980 geborenen Amerikaners Nathaniel Rich, gar nicht so verkehrt. Denn Jazz ist anders als alle Arten von Musik, die man vor dem zwanzigsten Jahrhundert kannte; er ist nicht nur neu, sondern flirrend und unberechenbar. In einer einstigen Baptistenkirche, die zum Club umgestaltet wurde und im Zeichen profaner Bedürfnisse steht, spielt sich eine Band in „schwindelerregende Raserei“.

          Literarische Wimmelbilder 

          Isadore Zeno, ein junger Kornettist, der zu den drei Protagonisten gehört, erlebt, wie die Kombo den 1917 erstmals aufgenommenen „Tiger Rag“ in „etwas nicht mehr Wiederzuerkennendes, ja geradezu Furchterregendes“ verwandelt. Im Saal tanzen Huren und Zuhälter, Uhrmacher und Hafenarbeiter zu dieser „Satansmusik“. So gesehen, ist Jazz gleichermaßen vitalisierend und tödlich, er zielt auf den Körper, fordert die Affekte heraus – und erstickt die Partituren wohlgeordneter Kompositionen aus der Vergangenheit.

          Nathaniel Rich: „King Zeno“. Roman.
          Nathaniel Rich: „King Zeno“. Roman. : Bild: Rowohlt Berlin Verlag

          Mit der Ordnung ist es so eine Sache in Richs Roman. Einerseits gleichen manche Kapitel geduldig erzählten, fein gestrickten Kunstwerken, die so viele Details enthalten, dass sie auch als literarische Wimmelbilder taugen. Andererseits zerfransen die Einzelheiten immer wieder zu einer streckenweise geradezu improvisierten Mischung aus Gedanken und synästhetischen Eindrücken. Wenn etwa der Polizist Bill Bastrop seiner Frau von den Kriegserlebnissen aus Frankreich berichtet, ist er nicht eine Figur, die sich erinnert, sondern jemand, der wieder am Ort seines Traumas ankommt – wo er sich als Feigling erwiesen hat: Er wittert den Geruch von verwesendem Fleisch, hört den Lärm des Artilleriefeuers und blickt dem Tod ins Antlitz. Bill möchte die Reminiszenzen unbedingt loswerden, „doch er vermochte die nassen Marschen seines Gehirns nicht trockenzulegen“.

          Hurrikan Katrina 

          Seine zerebralen Feuchtgebiete finden ihre geographische Entsprechung an einem Ort, wo sich kürzlich noch ein alter Wald befand. Nun sind die Bäume gerodet, weil hier in den kommenden Jahren der Industrial Canal entstehen wird, welcher den Mississippi mit dem Pontchartrain-See verbindet. Die Arbeiter, Isadore ist einer von ihnen, buddeln sich durch den Schlick in der Zeit zurück und fördern Dinge zutage, „die seit Ewigkeiten ungestört geruht hatten“. Ein passendes Bild, gilt doch: kein Zukunftsprojekt ohne mementomorihaften Blick in die Vergangenheit.

          Beatrice, die Chefin der mit dem Bau beauftragten Firma, ist eine Mafia-Patin, deren mit Fortschrittsgläubigkeit vermengte Hybris sich siebenundachtzig Jahre später als Schimäre erweisen wird. Ihre Männer, phantasiert sie, „würden New Orleans wieder zum weltgrößten Hafen machen. Wie ein Maler in seinem Gemälde würden sie dem Land ihre Signatur einprägen,“ Im Jahr 2005 hat der Kanal durch den Hurrikan Katrina gleichwohl Schaden genommen und zur katastrophalen Überflutung der Stadt beigetragen.

          Referenzen und Gastauftritte

          Am Anfang der Arbeiten gibt es indes andere Probleme. Ein Grundbesitzer, der sein Land nicht dem Kanal opfern möchte, muss „überredet“ werden. Das passiert auf eine Art, die an den Modus operandi von Vito Corleone in „Der Pate“ erinnert. Als der Sohn des Eigentümers eines Tages von der Schule nach Hause kommt, liegt der Kopf eines Hundes mit Dolchen in den Augen auf dem Bett. Wenig später findet er einen weiteren Hundekopf, der genauso brutal bearbeitet wurde. Als Nächstes entdeckt seine Mutter den Kopf eines Kindes. Der Mann verkauft sein Grundstück noch am selben Tag, so dass die Grabungen starten können. Ein Zufallsfund auf dem Gelände: Leichenteile. Ein Axtmörder (den es wirklich gab) – in der Stadt unterwegs. Ein Zusammenhang – wahrscheinlich. Die Identität des Killers ist dem Leser bekannt, bevor die Polizei auch nur eine Ahnung hat.

          Während sich im Roman die Kadaver türmen, entwickelt Beatrice eine Pseudotheorie über das Leben nach dem Tod. Als nutzlos betrachtet sie die poetische Unsterblichkeit von Kunst und großen Werken. Ein interessanter Befund, ist „King Zeno“ doch gut ausgestattet mit Referenzen und Gastauftritten. So kann eine literarische Figur nicht Beatrice heißen, ohne dass Dante Alighieri grüßen lässt. Louis Armstrong, der 1918 und 1919 in Fate Marables Band auf einem Mississippi-Dampfer spielte, kommt gleich dreimal vor.

          Keine geschichtsphilosophischen Heilsversprechen

          Doch wie viel Erinnerung führt zur Unsterblichkeit? Und was hat der Tote davon? Genauso wenig wie von seinem biologischen Vermächtnis oder einer Seele, die, Gott bewahre, im Himmel nicht willkommen ist. Die „erstrebenswerteste Form der Unsterblichkeit bestand darin, nicht zu sterben“. Da ist sie wieder, die Hybris, und mit ihr kommt die tragische Selbstoptimierung avant la lettre: Ernährungstrends (Sauermilch!), Osteopathie, Kräuterbäder. Rich nutzt seinen historischen Roman laufend dazu, den Erwartungshorizont von einst mit dem Erfahrungsraum von heute abzugleichen.

          Dazu zählt auch der allgegenwärtige Rassismus. Es macht Isadore wütend, „stets um sein Leben bangen zu müssen, wenn er das Verbrechen beging, eine falsche Straße zu nehmen, die falsche Person anzusehen, das Falsche zu sagen oder auch das Richtige, nur leider mit der falschen Betonung“. Insofern ist das brillant komponierte Buch eine Absage an geschichtsphilosophische Heilsversprechen, die Zeit als Entwicklung hin zu einer immer besseren Zukunft begreifen.

          Tatsächlich waren die Probleme vor hundert Jahren strukturell vielfach dieselben wie heute. Es ist bezeichnend, dass die Grippe in „King Zeno“ nur eine Nebenrolle spielt. Rich wird sie als Gespenst der Vergangenheit ohne aktuellen Bezug betrachtet haben. Wäre der Roman nicht von 2018, sondern aus diesem Jahr, hätte die Pandemie womöglich zum Zugpferd des Plots werden können.

          Nathaniel Rich: „King Zeno“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2020. 448 S., geb., 24,– €.

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