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Tatsachenroman über die CIA : Mord mit Zaungast

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Wahr, ausgedacht oder irgendwas dazwischen? Bei Fabrizio Gatti tritt die CIA als Strippenzieher in der Alten Welt auf. Bild: AP

Zwischen Dichtung und Wahrheit: In Fabrizio Gattis Krimi „Der amerikanische Agent“ erzählt ein CIA-Spion, wie die Vereinigten Staaten Einfluss auf europäische Demokratien nehmen.

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          Die Wirkung eines Krimis hängt auch von seinen Paratexten ab. Während Fabrizio Gattis Buch „Der amerikanische Agent“ im italienischen Original das Label „Romanzo“ trägt, wird es im deutschsprachigen Raum als „Tatsachenroman“ ausgewiesen. Damit ist das Vexierspiel von Fiktion und Faktensammlung schon vor der Lektüre eröffnet. Verschärft wird es durch folgenden Hinweis: „Wer sich in den handelnden Personen dieses Buches wiedererkennt, besitzt ein Übermaß an Fantasie.“ Insofern sind dem Leser die Grenzen zwischen künstlerischer Gestaltung und prosaischer Wirklichkeit in Erinnerung gerufen, was von den Kapitelüberschriften allerdings wieder in Frage gestellt wird: „Craxis Kassen“, „Die Geheimnisse des Pio Albergo“, „Putins Code“, „Abu Omar muss entführt werden“.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Sollten wir Bill Clinton wirklich ein Übermaß an Phantasie unterstellen, falls er sich in der Figur Bill Clinton wiedererkennt, die hier als Präsident der Vereinigten Staaten Erwähnung findet und im Juli 1994 am G-7-Gipfel in Neapel teilnimmt? Dürfte Silvio Berlusconi davon ausgehen, dass von einem Namensvetter die Rede ist, wenn es heißt, der „neue italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi“ sei der „König des kommerziellen Fernsehens“? Gatti verpackt in jeder erfundenen Sequenz mal ein Quantum, mal einen Batzen Wahrheit; umgekehrt reichert er alle sauber recherchierten Geschichten mit Früchten seiner Imagination an. Er tut mithin das, womit er sich in seinem Brotberuf um jede Glaubwürdigkeit bringen würde. Seit 1991 hat er als investigativer Journalist immer wieder enorme Strapazen auf sich genommen, etwa als er zwischen 2003 und 2007 unter falscher Identität den Weg vieler Flüchtlinge von Nordafrika über das Mittelmeer nach Europa zurücklegte.

          Fabrizio Gatti: „Der amerikanische Agent“.
          Fabrizio Gatti: „Der amerikanische Agent“. : Bild: Verlag Antje Kunstmann

          Sein Roman hat zwei Protagonisten. Der Ich-Erzähler ist ein verdeckt ermittelnder Reporter, der sich schon als Migrant ausgegeben und die Sahara durchquert hat. Er wird von einem CIA-Spion namens Simone Pace angeschrieben und mit unglaublichen Bekenntnissen konfrontiert, die den Plot bilden. Somit muss sich neben dem Leser auch der Erzähler laufend die nicht leicht zu beantwortende Frage nach Dichtung und Wahrheit stellen: Einerseits berichtet Pace im Detail, wie der amerikanische Auslandsgeheimdienst Einfluss auf europäische Demokratien nimmt, sie lenkt und formt. Andererseits bleiben entscheidende Aspekte seines Rapports unterbelichtet. So erzählt er von einer Geldübergabe, weiß aber genauso wenig über den Empfänger wie über seine zahlreichen Kontaktleute, die ihn quer durch Europa schicken, um Befehle auszuführen. Einmal bemerkt er: „Ehrlich gesagt, habe ich bisher nicht verstanden, worin meine Aufgabe besteht.“

          Häufig ist er nur als Zaungast anwesend, etwa bei der Ermordung Gerald Bulls. Der kanadische Ingenieur hatte Saddam Hussein 1988 eine Superkanone angeboten, die in der Lage gewesen sein soll, Israel zu erreichen. Frederick Forsyth ließ sich von diesem Stoff für den Roman „Die Faust Gottes“ inspirieren, Gatti widmet sich vor allem dem Ende der Geschichte: Bull wurde im März 1990 vor der Tür seiner Brüsseler Wohnung mit mehreren Schüssen hingerichtet. Man vermutet, der Mossad zeichne für die Tat verantwortlich. Simone Pace liefert nun Einzelheiten zur Vorbereitung und zum Hergang, die durchaus plausibel erscheinen – wie übrigens all seine in Episodenform geschilderten Missionen.

          So gesehen, orientiert sich „Der amerikanische Agent“ an James Ellroys Roman „Ein amerikanischer Thriller“, der um die Pläne zur Ermordung John F. Kennedys kreist und zeigt, welche Absichten Mafia, FBI und CIA verfolgten. Literarisch hat Gatti dem nichts entgegenzusetzen, dafür versteht er es, den Schluss seines Buchs nicht in die Handlung, sondern in die Danksagung zu legen. Dort verneigt er sich vor „dem Zeugen, der sich Simone Pace genannt“ habe, verschwunden sei und wahrscheinlich mit seinen Auftraggebern im Konflikt liege. Auch dieser Paratext wirft weitreichende Fragen auf, wobei die Antworten unserer Einbildungskraft überlassen bleiben.

          Fabrizio Gatti: „Der amerikanische Agent“. Tatsachenroman. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß. Verlag Antje Kunstmann, München 2020. 436 S., geb., 25,– €.

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