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Boom des True-Crime-Genres : Verbrechen lohnt sich doch

  • -Aktualisiert am

Zeitungen steigen ins True-Crime-Geschäft ein

Auch die „Zeit“ hat dieses Potential nun erkannt. Anfang Mai erschien die Pilot-Ausgabe eines 120-seitigen Hochglanzmagazins namens „Verbrechen“. Untertitel: „Blick in den Abgrund – Echte Kriminalfälle aus Deutschland“. Das Magazin ist extrem hochwertig gemacht, sogar der Fotokünstler Andreas Mühe steuerte eine sehr sehenswerte Strecke zum Thema Polizeihunde bei (Titel: „Berufstätige Hunde“), und da man mit True Crime derzeit kaum etwas falsch machen kann, wird es wohl nicht die letzte Ausgabe gewesen sein. Seit einigen Wochen schon gibt es auf „Zeit Online“ auch den entsprechenden Podcast. Herausgeberin Sabine Rückert, langjährige Gerichtsreporterin der Wochenzeitung, widmet sich hier noch mal ausführlich den brisantesten Fällen.

Es ist wohl die älteste Frage des Menschen, die wir in den ungezählten Ausprägungen dieses Genres derzeit gestellt bekommen, schon die Genesis versuchte sich ja an einer ungelenken Antwort auf die Frage, wie das Böse in die Welt kam. Der Mensch ahnte schon immer, dass er womöglich selbst nicht ganz unbeteiligt daran ist und dass es bisweilen gar nicht so viele unglückliche Umstände braucht, um selbst schuldig zu werden. Davon erzählen im Grunde all diese Geschichten in ihren guten Momenten. Die Erkenntnis ist denkbar simpel: Das da könntest du sein! Und im besten Fall entsteht daraus so etwas wie Demut.

Kann Unterhaltung die Gesellschaft reparieren?

Aber ist diese Flut des Authentischen schon Anzeichen für eine Krise der Fiktion? Schließlich liegt die Zahl der derzeit verfügbaren Formate mittlerweile weit über dem, was ein normaler Bürger in seinem Leben überhaupt hören oder sehen kann.

War es nicht sehr lange Zeit die Literatur, die Utopien und neue Menschenbilder entwarf? Einmal zu diesem Thema befragt, erklärte Ferdinand von Schirach im Interview, die minutiöse Nacherzählung eines Tathergangs, besonders vor Gericht, sei essentiell für das Fortbestehen von Recht und Ordnung, erst die Nacherzählung „beruhige“ die Gemeinschaft. Nun zählt Beruhigung nicht gerade zur primären Aufgabe der Kunst, man denkt da doch eher an ästhetische Erschütterung, Wagemut oder Vision. Und suspendiert man nicht eigene Anstrengungen und Verantwortung, wenn man von einem reinen Unterhaltungsgenre die Reparatur der Gesellschaft bei gleichzeitiger Erziehung des Herzens erwartet?

Gedicht von 1463 bringt es auf den Punkt

Vielleicht hilft es ja, einen Schritt zurückzutreten und sich an die widerstreitenden Lehren aus dem Urtext zu erinnern, als den man „Kaltblütig“ bezeichnen kann. Lange vor Netflix und dem Internet setzte Capote mit der ungemein verdichteten Geschichte eines bestialischen Vierfachmordes in Kansas den bis heute gültigen Maßstab für nonfiktionales Erzählen von Kriminalgeschichten. Der Versuch war zwar schon damals nicht frei von konkretem politischem Engagement, Capote sah den Text auch als Plädoyer gegen die Todesstrafe, doch war jeder einzelne Satz von einer ästhetischen Wucht, die in der Lage ist, den Menschen zu erschüttern, viel mehr als die inflationär dargereichte Leichenfledderei aus der Forensik.

Capote stellte dem Roman François Villons „Ballade von den Gehenkten“ voran. Der Lyriker hatte sie 1463 in seiner Todeszelle in Erwartung seiner Hinrichtung am Galgen gedichtet:

„Ihr Menschenbrüder, die ihr nach uns lebt / Verhärtet euer Herz nicht gegen uns / Denn wenn ihr Mitleid mit uns Armen habt / Wird Gott euch umso eher gnädig sein.“ Damit war schon vor fünfhundert Jahren alles gesagt.

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