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Boom des True-Crime-Genres : Verbrechen lohnt sich doch

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Schuld ist wie immer das Internet: Der erste große True-Crime-Podcast „Serial“ startete 2014 mit einer zwölfteiligen Serie über einen Highschool-Mord aus dem Jahr 1999. Heute hat der Podcast, man halte sich fest, mehr als fünfzig Millionen Abonnenten. Die Recherchen dazu gingen so intensiv in die Materie, dass die Gerichte den Fall am Ende der Staffel noch einmal aufrollen mussten – eine Art Hyperrealität, mit Rückwirkungen ins echte Leben. Ein anderer, über die Maßen erfolgreicher Podcast der letzten Jahre trägt sein Programm schon im Namen, er heißt: „This Is Actually Happening“.

Spätestens im Anschluss an den Erfolg von „Serial“ setzte auch Netflix massiv auf das Thema True Crime, zeigte oder produzierte erfolgreiche Dokumentationen über die Fälle O. J. Simpson, Amanda Knox oder Josef Fritzl, griff aber eben immer wieder auch unbekannte Fälle auf. So erzählte die zehnteilige Doku-Serie „Making a Murderer“ die tragische Geschichte des gleich mehrfach zu Unrecht verurteilten Steven Avery ausnehmend lang und weitschweifig – trotzdem wollten es alle sehen.

Auch hier riefen die bei der aufwendigen Recherche neu erbrachten Erkenntnisse heftige Reaktionen in der Realwelt hervor, Petitionen wurden unterschrieben, sogar Barack Obama sah sich zu einem Statement genötigt. Avery sitzt noch immer im Knast.

Das Erbe Dostojewskijs

Bei so viel Welt- und Menscherklärung ist es kaum verwunderlich, dass sich aus dem Genre heraus zuletzt vermehrt so etwas wie politisches Pathos entwickelte. Die „New York Times“ verstieg sich zu Beginn der Woche zu einem Vergleich mit Dostojewskij, nur weil der offenbar auch mal was mit Schuld und Sühne gemacht hatte. Wie einst der große Schriftsteller, hieß es da, so rücke True Crime endlich wieder die Würde des Menschen in den Mittelpunkt, mache Ambivalenzen bei der Beurteilung von Gut und Böse sichtbar. Ganz schön hohe Erwartungen an ein Unterhaltungsformat.

Es ist unbestritten, dass gut recherchierte Dokumentationen wie „Making a Murderer“ eklatante Missstände zum Vorschein bringen können: übertriebene Polizeigewalt, juristische Willkür, Rassismus. Doch ist es mit dem schnellen Unterschreiben von Online-Petitionen und einer kurzen Empörung in der Regel nicht getan, zu groß und verführerisch ist die Verlockung, sich nach dem Ende der einen Geschichte unmittelbar der nächsten zu widmen.

Warnung vor Sättigung

Netflix setzte im Jahr 2017 rund zwölf Milliarden Dollar um – ein explizit politischer, ja aufklärerischer Ansatz sollte da mit Vorsicht zu genießen sein. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Publizistin Susan Sontag, die dem aufklärerischen Potential authentischer Gewaltdarstellung skeptisch gegenüberstand. In ihrem 2003 erschienenen Essay „Das Leiden anderer betrachten“ warnte sie, bei aller Dokumentationspflicht, vor einer Routine des Entsetzens: „Fernsehbilder sind per definitionem Bilder, derer man früher oder später müde wird. Die Grundhaltung des Konsumenten ist die Erschlaffung.“

Noch aber ist diese Erschlaffung nicht eingetreten, im Gegenteil. Angebot und Nachfrage wachsen, auch in Deutschland. Seit 2015 schon bringt der „Stern“ mit dem Magazin „Crime“ eine eigenständige, erfolgreiche Publikation zu dem Thema heraus. Auf der Homepage lernen wir dazu Zentrales über die Zielgruppe: „Sie lieben den Nervenkitzel und interessieren sich gleichzeitig für den psychologisch-sozialen Kontext realer Verbrechen. Insbesondere Frauen wissen diesen subtilen Gruselfaktor zu schätzen.“ Ein Frauenthema also?!

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