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Liza Codys neuer Krimi : Schuld sind immer die anderen

Gentrifizierung macht auch vor der Guscott Street nicht halt: Straßenszene in England Bild: Getty

Im Müllcontainer wird ein toter Säugling entdeckt, und die Polizei hat nur eine Verdächtige: Liza Codys meisterlicher Krimi „Miss Terry“ ist ein Lehrstück über alltäglichen Rassismus – ein Buch der Stunde.

          Die Lust an der Wortspielerei verrät schon der Titel. Denn „Miss Terry“, wie der Krimi der großartigen Liza Cody im englischen Original und in der deutschen Übersetzung heißt, lässt sich auch als mystery lesen. Und mysteriös geht es in der Geschichte um die Grundschullehrerin Nita Tehri, die in einer dieser typischen englischen Straßen mit Reihenhäuschen samt Pub an der Themse lebt, allemal zu. Die freundliche Frau trägt Snoopy-Schlafanzüge und lächelt schon beim Aufwachen leise vor sich hin, als sie, die erst vor kurzem in die Gegend gezogen ist, unversehens ins Zentrum schlimmster Verdächtigungen gerät.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei kann sie - und mit ihr der Leser - zunächst nicht nachvollziehen, warum ausgerechnet sie zur Zielscheibe so vieler Unterstellungen wird. Sie gipfeln in der Behauptung der Polizei, sie habe zwischen den vertrockneten Weihnachtsbäumen im Müllcontainer einen kaltgefrorenen Säugling entsorgt. Warum aber wird nur sie verhört, und niemand sonst? Geschickt lässt Liza Cody einige Zeit vergehen, ehe sie das Skandalon der Erzählung offenlegt: dass nämlich die aus Pakistan abstammende Lehrerin die einzige Farbige in der Guscott Road ist. Und dass nur, weil auch das tote Baby dunkelhäutig war, der Fall für Nachbarn wie für den robusten Sergeant Cutler deshalb klar auf der Hand liegt.

          Subtile Formen von Rassismus

          Stück für Stück blättert die Autorin mit kanadisch-indischen Wurzeln in ihrem packenden Lehrstück die subtilen Formen von alltäglichem Rassismus auf. Geschrieben wurde der Roman schon vor einigen Jahren. In der Post-Brexit-Ära aber, die sich nicht zuletzt durch wachsene Ausländerfeindlichkeit kenntlich macht, wächst ihm neue Dringlichkeit zu. Dabei ist „Miss Terry“ kein moralisches, um Menschlichkeit werbendes Thesenbuch. Liza Cody hat keine simplen Botschaften. Stattdessen vermittelt sie in überraschender Tonlage das Gefühl, wie es ist, permanent angeschaut und verdächtigt zu werden.

          Das gelingt der Autorin vor allem durch den Kniff, die Geschehnisse aus der Perspektive ihrer Heldin zu betrachten. Es ist keine Ich-Erzählung, und trotzdem erleben wir alles, was Nita an Bösem und Abscheulichkeiten widerfährt, durch ihren staunenden, verdutzten, manchmal auch verängstigsten oder wütenden Blick.

          Statt sich zu ärgern, gibt es Tee

          Wenn sie gefragt wird, warum sie so gut Englisch spreche, kontert sie locker, sie sei in Leicester geboren. Und selbst Cutler, der ihr dreiste Fragen zu ihrem Sexleben stellt, ohne sie aufzuklären, warum er fragt, kocht sie einen Tee. Bedrohlicher wird es, als der Direktor der Schule Nita Tehri nur aufgrund der üblen Nachrede nach Hause schickt. Irgendwann greifen die Boulevardmedien die Story auf und haben ihr Urteil längst gefällt. Doch selbst als ein Brandanschlag auf Nitas Haus verübt wird, kann das die Polizisten von ihrem Ursprungsverdacht nicht ablenken. Sie wollen die exotische „Miss Terry“, wie sie genannt wird, überführen, koste es, was es wolle. Dass sie in eine dramatische Familienfehde verwickelt ist, bestätigt sie nur in ihrem Verdacht.

          Liza Codys Erzählung lebt von ihrem eigenwilligen, herben Humor. Da schauen Polizisten so verständnislos drein „wie alle Männer, denen Automobile in die DNA eingraviert waren“. Es ist die Nachbarin Daphne, die Nita darüber aufklärt, wie man in der Guscott Road insgeheim über sie denkt: „Die Nuttige behauptet, Sie hätten einen Braten in der Röhre gehabt, als Sie hierher zogen. Die Hochnäsige erklärt, Sie wären illegal eingewandert, und der bekloppte Idiot da überm Frauenhaus krakeelt, Sie wären eine arabische Bombenlegerin. Ich hab gesagt, Sie sind nicht der Typ für so was, aber die verflixten Cops meinten, das wäre generell keine Frage des Typs, und wir müssten heutzutage alle die Augen offen halten, immer und überall“.

          Liza Cody schreibt mal düster, mal mitfühlend, dann wieder überdreht, aber ohne Verbitterung. Die stellt sich bei der Lektüre ganz von allein her. „Miss Terry“ sollte man lesen, erst recht in Zeiten wie diesen.

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