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Krimi „Die fehlende Stunde“ : Wie fühlt sich der Kopfschmerz an?

Handliche Tatwaffe: Wer hätte gedacht, dass der Korkenzieher nicht nur Flaschen köpfen kann? Bild: Picture-Alliance

Im Bann der Adjektive: Die fernseherprobte Autorin Dinah Marte Golch geht mit einem von Hassliebe zusammengeschweißten Ermittlerduo auf Quotenfang. Die Prosa ist dürftig, doch der Plot verblüfft.

          Keine schlechte Idee, im ersten Kapitel den Kommissar und die mit ihm Mörder jagende Psychologin nackt nebeneinander aufwachen zu lassen, ohne dass sich einer der beiden daran erinnern könnte, wie sie in der offenbar arg durchzechten Nacht zuvor im Bett gelandet sind. Und gar nicht übel, gleich im zweiten Kapitel vier Tage zurückzuspringen aus den verkaterten Köpfen des Duos in den vor Angst um ihren verschwundenen Sohn wummernden Schädel einer Mutter, die gerade einen mutmaßlichen Kinderschänder mit dem Korkenzieher eines Schweizer Taschenmessers niedermetzelt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          In der Trickkiste der Aufmerksamkeitsökonomie ist Sex – oder wenigstens ein Techtelmechtel – nun einmal ein sehr probates Mittel, wenn es gilt, den Leser ohne großen Kraftaufwand zu fesseln. Die Wahl der Tatwaffe indes ist regelrecht genial. Funktionieren Krimis nicht meistens nach demselben Schema wie die berühmten Vielzweckmesser der Eidgenossen? Sie wollen handlich sein und doch so tun, als hielten sie eine verwirrende Vielfalt von Möglichkeiten parat. Tatsächlich bleibt das Handwerkszeug, das die potentiell mörderische Klinge aufmotzt, doch ziemlich übersichtlich, weil es standardisiert ist und man nie mehr als ein Gimmick gleichzeitig benutzen kann. Es sei denn, man kaut am Zahnstocher und macht sich mit dem Kapselheber ein Bier auf.

          Schön der Reihe nach klappt jedenfalls Dinah Marte Golch in „Die fehlende Stunde“, ihrem zweiten Kriminalroman um den Hauptkommissar Sigi Kamm und die Psychotherapeutin Alicia Behrens, das Besteck aus. Es gibt zwei Ermittler, die einander in zarter Abneigung zugetan sind, zwei verschwundene Kinder, von denen eines betäubt in einem Wald gefunden wird, das andere tot. Es gibt zwei alleinstehende Mütter, die ob der Geschehnisse den Verstand zu verlieren scheinen, einen toten Tatverdächtigen (den mit dem Korkenzieher Massakrierten) und zwei lebende: einen Polizisten und den beiden Frauen verdächtig nahestehenden Vater von Zwillingssöhnen – womit das Verdopplungsmotiv bis zur DNA fortgetrieben wäre. Es gibt zähnefletschende Hunde und jede Menge Eichenprozessionsspinner, was keine flapsige Bezeichnung für psychiatrische Härtefälle ist, sondern für eine Raupenart, die höchst kriminell wirkende Spuren hinterlässt.

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          Beheimatet ist dieser kleine Kreis von Opfern, Ermittlern und möglichen Tätern nach guter alter Miss-Marple-Art in einer Siedlung bei Potsdam. Touristisch wertvolle Informationen werden en passant eingestreut, obwohl sie für den Plot bedeutungslos sind. Warum auch nicht? Es gibt noch andere lohnende Reiseziele als die Heimat der Bannalecs und Brunettis. Was dagegen wirklich zermürbt an Dinah Marte Golchs abermaligem Ausflug nach Berlin und Brandenburg, sind die Adjektive.

          Dinah Marte Golch: „Die fehlende Stunde“

          Der Kopfschmerz ist stechend, das Sonnenlicht gleißend, die Kellertreppe steil, die Glühbirne nackt, das Geräusch dumpf, die Stille unheimlich, die Frau zittrig. Es ist, als bewegten Sigi und Alicia sich durch ein riesiges Bildwörterbuch, das jedem Baum, Strauch und Wesen einen Klebezettel anheftet, auf dem das nächstliegende Eigenschaftswort steht. Wer durchetikettiert, spart die Beschreibung, schon klar. Aber er zahlt damit, dass die Prosa schnell ziemlich dürftig wird. Dinah Marte Golch treibt erkennbar nicht die Lust an der Sprache, sondern die am Plot, den sie mit Hinweisen für die Regie, Requisite und Beleuchtung spickt. Die 1974 geborene Autorin ist von Haus aus Drehbuchschreiberin. Für das Buch zum „Tatort. Nie wieder frei sein“ wurde sie vor einigen Jahren mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet und steht hinter zahlreichen Serienepisoden von „Edel & Starck“, „Der Bulle von Tölz“ und „Dogs of Berlin“.

          Das merkt man. „Die fehlende Stunde“ hat alles, was ein Fernsehkrimi hierzulande braucht, um eine respektable Quote einzufahren, angefangen von der weiblichen Heldin („unkonventionell“, „mädchenhaft“, aber mit dunkler Vergangenheit) und dem psychologischen Moment, der auf das angeblich eher zu Einfühlung fähige weibliche Publikum schielt. Mit Geschick und handwerklicher Routine schlingt Dinah Marte Golch den Handlungsfaden von einer Verwicklung oder Teillösung zur nächsten, über Falltüren der Unwahrscheinlichkeit hinweg. Ausgerechnet der auf Patienten mit pädophilen Störungen spezialisierte Kollege, mit dem Alicia zu Sigis Ärger anbandelt, erweist sich als Verwandter einer der Toten, wird aber als Gutachter mit ins Boot geholt. Und ausgerechnet der Papierschnipsel mit dem Wort „Mörderin“ lässt sich nicht die Toilette hinunterspülen, in der eine der Mütter einen zerrissenen Erpresserbrief versenken will.

          Der Spannungsbogen in diesem von Wohlfühlelementen abgepufferten Drama um Doppelexistenzen und vertraute Fremde hält dennoch bis zum Ende und führt zu einem verblüffenden Finale. Um dorthin zu gelangen, muss man freilich einiges aushalten. Zum Beispiel den abwegig einfühlsamen, sich in Gemeinplätzen ergehenden Psychologensprech der Heldin. Es ist vielleicht nicht immer von Vorteil, wenn eine Romanautorin eine Ausbildung in „Gewaltfreier Kommunikation“ absolviert hat.

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