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Krimikolumne „Streifschuss“ : Stahl und Diebstahl

Gloria Grahame und Humphrey Bogart im Film „In A Lonely Place“ von 1950. Er basiert auf dem Roman „Ein einsamer Ort“ – auch wenn nicht wirklich viele Parallelen zu erkennen sind. Bild: IMAGO

Eine Wiederentdeckung und ein Verbrechen im Sozialismus: Dorothy B. Hughes Roman „Ein einsamer Ort“ und Max Annas „Morduntersuchungskommission“.

          2 Min.

          Auch wer sich noch immer gut erinnern kann an Nicholas Rays Film „In A Lonely Place“, in dem Humphrey Bogart einen seiner stärksten Auftritte hat, wird wenig wiedererkennen in dem Roman, auf dem der Film von 1950 beruht. Die beiden Drehbuchautoren hatten das drei Jahre zuvor erschienene Buch von Dorothy B. Hughes sehr gründlich und ideologisch sehr sorgfältig umgearbeitet, weil das Szenario so düster und moralisch fragwürdig erschien, dass es selbst für einen hartgesottenen Film noir zu hart war. Nun kann man diesen großen Roman einer fast vergessenen Pionierin des American Noir endlich wieder lesen, nachdem die 1999 im Union-Verlag erschienene Übersetzung lange vergriffen war.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Ein einsamer Ort“ (Atrium, 272 S., geb. 22,– Euro) ist die Geschichte eines ehemaligen Jagdfliegers, der in Los Angeles nach dem Zweiten Weltkrieg zum Serienmörder wird. Dixon Steele, in dessen Namen Stahl und Diebstahl zusammenklingen, lebt in den Tag hinein, er nimmt den kleinen Scheck seines Onkels, er hat Erfolg bei Frauen und ist zugleich misogyn: „Sie waren alle gleich. Betrügerinnen, Lügnerinnen, Huren.“

          Er will ohne Arbeit zum großen Geld, fühlt sich deklassiert, zu kurz gekommen, nach der Gleichheit und Freiheit als Soldat im Krieg in der engen Nachkriegswelt versklavt und in seiner Männlichkeit gekränkt.

          In der Liga von Hammett und Chandler

          Dorothy B. Hughes (1904–1993), die vor allem in den Vierzigerjahren sehr produktiv war, ist eine begnadete Erzählerin. Sie hat ein Ohr für Dialoge, ein Auge für das Nachkriegs-Kalifornien, ein Gespür für den Rhythmus der Sätze. Und sie zeigt mit unnachahmlicher Präzision, wie dieser Steele sich immer tiefer im Labyrinth seiner Paranoia verirrt.

          Dass sein bester Freund und Kriegskamerad Brub Detective ist, der in der Mordserie ermittelt, dass Brubs Frau Steele nach und nach durchschaut, ist ein weiterer Beleg für Hughes’ souveräne Anlage der Erzählung. Ein Kriminalroman, der in der Liga von Chandler, Hammett und Cain spielt.

          Dass die DDR, im Gegensatz zum kapitalistischen Westen, ein Schauplatz für gute Kriminalromane war, kann man bezweifeln. Aber vielleicht ist das doch zu vorschnell und reflexhaft – oder aus der Reihe „Polizeiruf 110“ abgeleitet, deren Fälle nie ernsthaft mit denen im „Tatort“ konkurrieren konnten. Max Annas jedenfalls erschließt in seiner auf vier Bände angelegten Reihe, lange nach dem Ableben der DDR entstanden, ein beachtliches Potential.

          Kriminelles Potential der DDR

          In „Morduntersuchungskommission. Der Fall Daniela Nitschke“ (Rowohlt, 368 S., geb., 22,– Euro) begegnet man zum dritten Mal dem Oberleutant Otto Castorp. Er wurde von Jena nach Berlin versetzt, es ist das Jahr 1987. Ronald Reagan steht in Sichtweite der Mauer und fordert, hörbar bis in Osten, den amtierenden Generalsekretär der KPdSU auf: „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“

          Castorp und seine Kollegen sind mitten im Getümmel nahe der Mauer. Sie langen hin, wenn die Uniformierten Unterstützung brauchen. Aber sie haben andere Sorgen. Zwei Leichen: ein Musiker aus dem Westen, eine Kantinenhilfe aus dem Osten, ein paar Meter voneinander aufgefunden.

          Die Handlung des Romans, in dem Familien- und Zeitgeschichte miteinander verwoben sind, springt zwischen Ost und West. Da ist der Jazzmusiker Billy, der aus Südafrika stammt, in Berlin lebt und ab und zu Kurierdienste für den ANC, den African National Congress, leistet, eine der Befreiungsbewegungen, die von der DDR unterstützt wurden.

          Neben dem gerade in seiner Durchschnittlichkeit interessanten Castorp, der ziemlich linientreu ist, sich aber beim Konzert von Miriam Makeba zur Berliner 750-Jahr-Feier langweilt, ermittelt heimlich die Stasi-Sekretärin Erika Fichte, die von ihrem Chef angesetzt wird, das Verschwinden jenes Genossen zu untersuchen, der die Waffenlieferungen nach Angola und Südafrika koordinierte.

          Die Frontlinien sind recht unübersichtlich. Max Annas’ nüchterner protokollarischer Stil ist genau die passende Form dafür. So gelingt es ihm, einen komplexen Fall souverän zu entfalten und zugleich ein Stück Mentalitätsgeschichte aus einem Land zu erzählen, dessen Bewohnern der sich abzeichnende Untergang ihrer Welt allenfalls schemenhaft bewusst war. Schon jetzt ist man gespannt auf den Abschluss von Annas’ Reihe.

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