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Kanae Minatos neuer Krimi : Fukase ist ein Mörder

  • -Aktualisiert am

Berglandschaft in Japan Bild: Picture-Alliance

In dieser Literatur tun sich makabre Abgründe auf: Kanae Minatos Krimi „Schuldig“ erzählt von einem alten Verbrechen, das die Ruhe der Davongekommenen stört.

          Für Kazuhisa Fukase gibt es nur eine wirkliche Freude: Den aromatischen Sud perfekt gerösteter und gemahlener Kaffebohnen, der aus den Düsen einer Maschine deutschen Fabrikats in kleine Tassen läuft und eine makellose Crema bildet. Er verbringt reichlich viel Zeit damit, in Spezialgeschäften nach Bohnen aus aller Welt zu suchen, und wenn er seinen Kollegen Kaffee kocht, ist das einer der wenigen Momente in seinem Leben, in denen er das Gefühl hat, etwas zur Gemeinschaft beizutragen. Fukase könnte – wenn es auch ein Klischee sein mag, das über die Protagonisten japanischer Geschichten zu sagen – aus einem Roman von Haruki Murakami entlaufen sein.

          Ein Einzelgänger mit latentem Minderwertigkeitskomplex, der auf die große Karriere verzichtet hat, der jede aufgeschnappte Äußerung sofort auf sich bezieht und minutenlang analysiert. Der über westliche Popmusik sinniert und darüber nachdenkt, welche Farben sich den Menschen zuordnen lassen. Fukase ist außerdem ein Mörder. Das behauptet zumindest ein Brief, der – anonym und komplett in Großbuchstaben verfasst – ohne Vorwarnung im Briefkasten seiner einzigen Freundin landet.

          Kanae Minato: „Schuldig“. Roman.

          Kanae Minato gehört in Japan zu den bekanntesten Vertreterinnen des „iyamisu“, eines Subgenres der Kriminalliteratur, das im Englischen „eww mystery“ genannt wird. In dieser Literatur tun sich besonders makabre Abgründe auf; die Leser ekeln sich bei der Lektüre, daher auch der Name. Unappetitlich geht es aber in „Schuldig“, nach „Geständnisse“ schon Minatos zweiter ins Deutsche übersetzte Roman, eigentlich überhaupt nicht zu. Vor allem kulinarische Genüsse lösen bei dem Protagonisten Erinnerungen aus. Vom Einfachen das Gute: fachkundig zubereiteter Kaffee, Kirschblütenhonig, Buchweizennudeln in salzigem Gebirgswasser, eine Spezialität aus dem Norden Japans, sämiges Curry.

          In Schwelgen verfällt Minato angesichts dieser Sinnenfreuden aber nicht. Ihr überaus nüchterner, schnörkelloser Stil hebt selbst noch in Fukases euphorischsten Momenten dessen Beamtenhaftigkeit hervor. Dann schlüsselt er en détail auf, wie viel Yen die Bohnen kosten, die er für eine Tasse Kaffee verbraucht, oder sinnt darüber nach, ob sich sein Wert als Mensch daran bemisst, wie groß der Anteil seiner Grundschulkameraden war, die ihn als Freund bezeichnet hätten.

          Minatos Wortwahl mag unauffällig sein – ihre Erzählkonstruktion ist es nicht. Ohne es im Text optisch abzusetzen, lässt sie Fukase fließend die zeitlichen Ebenen und Erzählperspektiven wechseln; beiläufig genug, um den Lesefluss nicht zu stören, doch stark genug dosiert, um nachhaltig zu irritieren. Bis es einem geht wie Fukase, der beständig daran scheitert, das Hier und Jetzt, die kleinen Momente zu genießen, wie es einem die neokapitalistische Logik so großzügig vorgaukelt.

          Eine zumindest moralische Mitschuld

          Fukases Situation lässt sich zurückführen auf eine Zeit in seinem Leben, in der noch alles in der Schwebe war, alles möglich schien: Während des Studiums verbringt er mit drei Freunden – diese Ereignisse arbeitet er nach und nach in Rückblenden auf – einige freie Tage im Haus der Eltern eines Kommilitonen. Es kommt zu einem tragischen Unfall, und als Jahre später der ominöse Brief auftaucht, gehen Fukases Gedanken unweigerlich zum damals verstorbenen Freund. Zögernd beginnt er nicht nur dessen Lebensgeschichte aufzurollen, sondern wird auch zu seinem eigenen emotionalen Schuldeneintreiber: Selbst wenn er objektiv betrachtet seinen Freund nicht in den Tod getrieben hat – spricht nicht allein die Tatsache, dass er das Erlebte auch Jahre später nicht hinter sich lassen kann, für eine zumindest moralische Mitschuld?

          Kanae Minato zieht das Grauen in „Schuldig“ nicht aus besonders skrupellosen Taten oder blutigem Gemetzel, sondern in erster Linie aus unerbittlich das eigene Rechtsbewusstsein strapazierenden Gedankenspielen, aus einer alle Varianten durchexerzierenden Kontemplation über die feinen Linien zwischen Schuld und Zufall, Schicksal und selbst herbeigeführtem Elend. Ein vielschichtiger, ein durchtrieben getimter Krimi ist ihr auf diese Weise gelungen, inspiriert von der japanischen Unterhaltungsform des Rakugo, einer Vortragsweise, deren Monologe in einer raffiniert konstruierten Pointe enden.

          „So etwas sollte man wirklich nicht vorab verraten“, ärgert sich Fukase einmal über ein aufgeschnapptes Gespräch zwischen Schulmädchen über eine kommende Manga-Verfilmung. „Basierte nicht die ganze Spannung des Films darauf, ob die Hauptfigur am Ende starb oder überlebte?“ Kanae Minato empfände so etwas wohl als viel zu platt.

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