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Krimirätsel mit Belohnung : Labyrinth mit Leichen

  • -Aktualisiert am

Wer die korrekte Seitenreihenfolge von „Kains Knochen“ bis Ende September 2023 findet, bekommt vom Suhrkamp Verlag 1000 Euro! Bild: jia

Der Roman „Kains Knochen“ wird als „das schwerste kriminalistische Rätsel der Welt“ beworben – und das scheint sogar zu stimmen. Der Suhrkamp Verlag hat 1000 Euro für die Lösung versprochen.

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          Man kann den Roman „Kains Knochen“, der gerade in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschienen ist und für den der Verlag mit dem Superlativ „das schwerste kriminalistische Rätsel der Welt“ wirbt, wohl einen „Krimi“ nennen. Im Buch, dessen Autor ein gewisser Torquemada ist, sterben gleich sechs Leute unter mysteriösen Umständen. Eine derartige Anzahl an Leichen ist extravagant, gerade wenn man den bescheidenen Umfang des Buches bedenkt: nur genau hundert Seiten. Doch natürlich ist das kein Regelbruch, sondern eher eine Art Verpflichtungserklärung gegenüber dem Genre. Und wie es sich für Kriminalromane gehört, dürfen sich die Leser von „Kains Knochen“ auch erhoffen, am Ende der Geschichte eine eindeutige Antwort auf die Frage nach der Manier und den Motiven der Mordfälle zu bekommen. So weit, so gut.

          Doch da hört es mit der Krimi-Gewöhnlichkeit dieses Buches schon auf. Die Leser, die herausfinden wollen, wer genau bei „Kains Knochen“ ermordet wurde und wer für das große Sterben verantwortlich ist, müssen wesentlich aktiver und beharrlicher sein, als die meisten von uns es bei der Lektüre von Krimis wohl sind. Dieses Buch ist nicht bloß im kriminalistischen Sinne ein teuflisches Puzzle: Seine Seiten stehen nämlich in der falschen Reihenfolge. Wer also den Roman als verständliche – und hoffentlich auch unterhaltsame – Geschichte lesen möchte, muss die Seiten neu anordnen.

          Nun, es gibt Abermillionen von Möglichkeiten, die hundert Seiten zu kombinieren. Hingegen gibt es eine und nur eine richtige Lösung. Und diese sollen seit 1934, dem Jahr der Erstveröffentlichung des Romans, laut einer editorischen Notiz nur drei Personen gefunden haben. Wie Torquemada zu Beginn des Buches freundlich mitteilt: Das Rätsel von „Kains Knochen“ ist „ungeheuer schwer und nichts für schwache Nerven“.

          Kein Zusammenhang!

          Der hartgesottene Krimileser darf selbstverständlich die Vorwarnungen des Autors und des Verlags für übertrieben, ja gar für hysterisch halten. Dann soll er doch gleich mit der Lektüre des Buches loslegen. Dabei wird er Folgendes feststellen: Die Seiten des Romans beginnen mit einem Satzanfang und enden mit einem Satzschluss, also mit einem Punkt. Sie bilden geschlossene Einheiten, die zunächst in keinem Zusammenhang miteinander stehen. Im Buch werden ständig Namen erwähnt, bei denen man nicht richtig kapiert, ob sie sich auf Menschen, Tiere, Orte oder etwa Pflanzenarten beziehen. Und die Tatsache, dass auf allen Seiten ein Ich-Erzähler auftaucht – immerhin ein Element von Kontinuität! –, hilft auch nicht weiter. Denn einerseits ist nicht klar, ob es nur einen oder mehrere Ich-Erzähler gibt. Und andererseits hat der Erzähler (oder handelt es sich doch um eine Erzählerin?) einen starken Hang dazu, in Torquemadas Worten, zwischen den Gedanken „auf moderne Art und Weise hin und her zu springen“, das heißt: um den heißen Brei herumzureden und über alles Mögliche – das Läuten einer Glocke, bekannte Bücher, exotische Bücher, alte englische Volkslieder, französische Rotweine, die BBC oder die eigenen, vollkommen disparaten Erinnerungen – ausgiebig zu sinnieren.

          Die erste Mordwaffe

          All das macht es enorm schwierig, einen klaren Plot zu erkennen – oder überhaupt relevante Informationen und Indizien, die einen durch dieses Labyrinth aus Textpassagen führen könnten. Und das macht einen einfach wahnsinnig. So sollte selbst dem neunmalklügsten Leser schnell klar werden, dass der Spruch vom „schwersten kriminalistischen Rätsel“ vielleicht doch nicht ganz so prahlerisch ist, wie er klingt.

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