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Roman „Asphaltdschungel“ : Die Autobahn als Lust- und Todeszone

Gewöhnlichen Reisenden bleibt auf der Autobahn einiges verborgen: Auf der Autoroute 31 im Jahr 2015. Bild: Picture-Alliance

Schwarzes Kopfkino mit viel Unterleib: In Joseph Incardonas tempohartem Debüt-Roman verschwinden Mädchen im „Asphaltdschungel“ – finden wird man nur noch deren Leichen.

          3 Min.

          In der Gluthitze des Sommers 2015 jagt der ehemalige Rechtsmediziner Pierre Castan den Mörder seiner Tochter. Sie verschwand zu Jahresbeginn, acht Jahre jung, und Castan weiß natürlich, dass es keine Hoffnung mehr gibt, Lucie lebend wiederzusehen. Seine Frau Ingrid ist über den Verlust verrückt geworden, sie verwahrlost im Suff und mit einer kranken Geilheit. Der Tod des eigenen Kindes, die nicht zu überbietende Katastrophe. Lucie wurde an einer Autobahnraststätte verschleppt, und das Gleiche geschieht nun mit Marie, die mit ihren heillos zerstrittenen Eltern Marc und Sylvie auf dem Weg in die Ferien ist.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          An der gleiche Raststätte findet man derweil Pierre halbtot und dehydriert in seinem Wagen, Schmeißfliegen sind seine treuen Begleiter. Sind auch viel besser als ihr Ruf, das weiß Pierre. Nur ihre Larven legen sie in Aas, sie selbst leben von Nektar und Pollen.

          Schon nach sechs Seiten tritt die Figur auf, von der schnell klarwird, dass sie das Hackfleisch bratende, Mädchen tötende Böse ist: Pascal Folier, ein durchtrainierter Koch, zweihundert Klimmzüge sind sein Standardprogramm. Ein ehemaliges Heimkind, das man „Skalp“ nannte, weil es Hunde, Katzen und Mäuse aufschlitzte, häutete und an Bäume hängte. Ein Unfall, von dem eine riesige Narbe am Kopf zeugt, machte ihn taub und raubte ihm Durstgefühl, Geschmacks- und Geruchssinn. Und doch ist er der perfekte unsichtbare Bewohner jener Raststätten-Matrix, die überall in Europa gleich anonym und steril entlang den Autobahnen als Nicht-Ort ins Werk gesetzt wurde.

          Die Welt der Clans und Hehler

          Niemand, der sich von ihm bedienen lässt, nimmt ihn zur Kenntnis. Diese Unsichtbarkeit nutzt Pascal für seine ganz speziellen Vergehen gegen die Mädchenwelt, drei hat er schon zum Tod befördert, die achtjährige Lucie, die zehnjährige Catherine und eben die zwölfjährige Marie, die sich „gerade im Prozess der Zersetzung“ befindet.

          Jospeh Incardona, 1969 in Lausanne geborener Schweizer mit italienischen Wurzeln, erhielt vor vier Jahren für diesen Roman den Grand Prix de Littérature Policière, nun tritt er mit dem aus dem Französischen übersetzten Seitenwender vor die deutsche Krimigemeinde. Es bedarf keiner Prophetie, um vorherzusagen, dass dieser Auftritt ihm Aufmerksamkeit für weitere Übersetzungen sichert. Der Roman hat Tempo, fährt wie auf Schienen und mit einem eigenen Ton durch den „Asphaltdschungel“, den seltsamste Figuren bevölkern, Gestrandete aus allen Schichten und Erdteilen.

          Er zeigt eine Welt, die dem gewöhnlichen Reisenden, der nur flüchtige Berührung mit den Mobilitätstempeln hat – Tanken, Toilette, Kaffee –, verborgen bleibt. Die Welt der Müllberge, die Welt der Fernfahrer, des Straßenstrichs, der kriminellen Geschäfte, Clans und Hehler. Incardona zieht uns mit geballter Sogkraft in dieses Universum, und er tut das schnell und dreckig, atemlos und bildmächtig. Das ist nichts für Leser von Kulinarik- oder Heimatkrimis. Es geht sehr viel um Sex, um Körperflüssigkeiten, um Kot, Blut, Urin, um Alkohol, Nikotin, und das alles in den schweißtreibenden Hundstagen auf flirrendem Asphalt.

          Joseph Incardona: „Asphaltdschungel“. Roman. Aus dem Französischen von Lydia Dimitrow. Lenos Verlag, Basel 2019. 339 S., geb., 22,– Euro.

          „Hinter den Schildern stehen Menschen“ – diesen Baustellenhinweis, der dem Roman im Original den Titel gab (Derrière les panneaux, il y a des hommes“), nimmt Incardona als Auftrag, diese Menschen schonungslos in ihrer Kreatürlichkeit zu zeigen, als Gefangene des Körpers, dessen Bedürfnisse das Handeln steuern. Sein Erzählscheinwerfer kennt keine Dezenz.

          Stilistisch arbeitet er dabei mit dem genretypischen Stakkato, ein Satz eine Zeile, das beschleunigt den Lesefluss, geht aber auch immer mal wieder daneben, wenn etwa die von Fleischeslust geplagte ermittelnde Beamtin Capitaine Julie Martinez die Einrichtung eines Büros scannt und über einen Kurzhaarteppich voller Milben zu Einsichten wie den folgenden kommt: „Scheiße, wie trist kann das Leben sein. / Nein, nichts. / Weder um sie herum noch sonst wo. / Schon gar nicht hier, nicht jetzt.“ Das ist häufig banal, stellenweise sentenziös, aber weil das Erzähltempo stabil hoch ist, liest man darüber großzügig hinweg.

          Von drei Opfern an spricht man von einer Serie. Aber es dauert, bis der Polizei dieser Zusammenhang aufgeht, den Pierre Castan schon länger vermutet. Das Finale ist als Treibjagd inmitten eines Staus auf der Autobahn inszeniert, ein Unwetter mit sintflutartigen Regenmassen macht der Hitze ein Ende „Die Erde muss reingewaschen werden“, denkt der Vater des toten Mädchens. Eine Hoffnung, daran lässt Incardona keinen Zweifel, die man sich aus dem Kopf schlagen sollte.

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