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Thriller von Jonathan Lethem : Die Wüste unseres Missverständnisses

„Der wilde Detektiv“ von Jonathan Lethem spielt in der Wüste vor Los Angeles - wo Zivilisation und Natur ineinander wachsen. Bild: Ian Cumming / Design Pics

„Der wilde Detektiv“, so heißt der neue Thriller des amerikanischen Starautors Jonathan Lethem. Er spielt unter Aussteigern im kalifornischen Nirgendwo – und in einem gespaltenen Land unter Trump, das sich selbst nicht mehr versteht.

          Gleich hinter Los Angeles beginnt die Wüste. Es gibt Menschen, die sagen, dass Los Angeles selbst aber schon die Wüste sei: eine endlos scheinende Ausdehnung vom Immergleichen, nur eben menschengemacht, weil sich die leere Sinnlosigkeit einer Stadt ähnlich erhaben anfühlen kann wie das Nichts, das sich links und rechts des Twentynine Palms Highway ausbreitet. Dort, in dieser Landschaft aus Stein und Sand und Dürre, in der sich nichts zu finden scheint, in die aber immer wieder Sinnsucher aufgebrochen sind, hat der amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem seinen neuen Roman angesiedelt: „Der wilde Detektiv“ heißt er, eine Art Thriller, komplett mit Morden und einer Verschwörung und Sex und Pistolen. Eine junge Studentin aus Brooklyn, Arabella, verschwindet in Kalifornien. Phoebe, die beste Freundin der Mutter, bricht auf, um nach ihr zu suchen – und findet aber eine Welt abseits jener Welt, die sie verlassen hat und in der in dem Moment, als diese Geschichte spielt, Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt wird.

          „Der wilde Detektiv“ ist auch das: Ein politischer Roman, der im Moment zwischen den Vereinigten Staaten vor und denen mit Trump spielt. Phoebe, Lethems Erzählerin, kapituliert auch vor dieser neuen Realität in Washington. Bis eben hat sie in New York beim Rundfunk gearbeitet, jetzt will sie nur noch weg. Auch deswegen ergreift sie die Chance, die sich ihr bietet, als Arabellas Mutter Roslyn von der verschwundenen Tochter erzählt. Arabella sollte eigentlich in Portland, Oregon, aufs College gehen, von dort ist sie aber verschwunden, letzte Spuren führen in die Wüste vor den Toren Los Angeles’. Sie dort zu finden, am anderen Ende des Kontinents, tief im Inland, das könnte für Phoebe aber auch gleichzeitig bedeuten, jene Menschen außerhalb ihrer Blase kennenzulernen, die soeben einen Fernsehkasper zum Präsidenten gemacht haben.

          Was innerhalb ihrer New Yorker Blase niemand für möglich gehalten hatte, bis es dann Wirklichkeit geworden war. Phoebe, angewidert von sich selbst und den Prätentionen ihrer Umwelt, flieht also nach Westen, wird aber so schnell nicht los, was sie zurücklässt. Weswegen sie sich immer wieder räumlich und zeitlich an dem orientiert, was in Washington geschieht, während sie in der Wüste nach Arabella sucht. Da ist ein Koffer, der „noch in der Obama-Ära gepackt worden war“. Da ist der erste Geschlechtsverkehr „seit der Wahl“. Eine neue Zeitrechnung herrscht in diesem Roman.

          Aber es ist nicht nur die Zeitrechnung. Der eigentliche Stoff dieser Geschichte, und das ist typisch für den Schriftsteller Jonathan Lethem, ist die amerikanische Gegenwartswahrnehmung. Und wie sie von den modernen Mythen der Popkultur auf sehr spezielle Weise geschärft wurde. Dafür hat sich Lethem immer schon interessiert, egal ob in seinem Meisterwerk „Die Festung der Einsamkeit“ oder in schwächeren Romanen wie „Chronic City“ oder „Du liebst mich, du liebst mich nicht“. Lethem interessiert sich dafür, wie die Welt aussieht, wenn man sie sortiert und durchdringt mit den Archetypen und Ritualen des Fernsehens, des Kinos, der Musik.

          Wie es ist, wenn man bei einem Berg wie dem Mount Baldy, um den herum „Der wilde Detektiv“ spielt, nicht mehr wie die Menschen zu älteren Zeiten an Jerusalem denkt – sondern an Bibelfilme über Jerusalem. Wenn alles „ziemlich Game-of-Thrones-mäßig ist“, wie es im Roman einmal heißt. Oder Phoebe vor einem Showdown zitternd auf „rain delay“ hofft – wie es heißt, wenn es beim Baseball zu regnen anfängt und das Spiel und die Übertragung unterbrochen werden. Oder sie in Punchlines von legendären „New Yorker“-Cartoons denkt: „In der Mojave weiß niemand, dass du kein Hund bist“, sagt sie einmal zu sich selbst. Im Originalcartoon sagt das ein Hund, der vor einem Computer sitzt, über das Internet.

          Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem

          Das Phänomen, welches Jonathan Lethem hier in Szene setzt, geht über Ironie weit hinaus. Wohin Phoebe auch schaut, sieht sie Referenzen an eine medial vermittelte und verstärkte Alltagskultur. Aus der sie ja eigentlich fliehen wollte. Deren Maßstäbe sie aber mitgenommen hat, weil sie eins mit ihrer sogenannten Natur geworden ist. Was ist überhaupt noch Natur? Am Fuße des Mount Baldy trifft Phoebe dann ständig auf Landsleute, die zwar ihre Sprache sprechen, aber die Referenzen nicht mehr verstehen, ihre Anspielungen, ihren Zynismus. Über was verständigt sich dann aber die Kommunikation, wenn die gemeinsame Grundlage verlorengeht?

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