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John le Carrés neuer Roman : Das Brexit-Trauma des Agenten

Agent in eigener Sache: John le Carré, mittlerweile 88 Jahre alt und kein bisschen schreibmüde. Bild: CHARLOTTE HADDEN/The New York Ti

London, wir haben ein Problem: Der 88-Jährige John le Carré zeigt in seinem 25. Roman, wie unvergnüglich das Agentenleben geworden ist. Und wo heute der wahre Feind sitzt.

          3 Min.

          Es gibt Leser, die um die Berühmtheit des Autors wissen und trotzdem ein sanftes Gähnen nicht unterdrücken können, wenn es an die Lektüre geht. Auch in „Agent Running in The Field“ (in der deutschen Ausgabe „Federball“ überschrieben), dem fünfundzwanzigsten Roman John le Carrés – der Achtundachtzigjährige ist längst einer der klassischen Autoren des Spionageromans –, geht es wieder sehr gesittet und manierlich zu. Man spricht sich noch immer mit „alter Knabe“ an. Die Welt der Dienste wirkt auf den ersten Blick immer noch, als könnten die wesentlichen Spionagegeschäfte von einem Club in Chelsea aus miterledigt werden, auf den zweiten Blick aber sieht es nicht mehr so rosig aus.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Das zeigt sich auch daran, dass anstelle von Polo oder Cricket in der Freizeit Badminton gespielt wird – im Athleticus Club in Battersea, auf der Südseite der Themse. Dort ist zu Beginn des Romans der nach langen Auslandsjahren zurückgekehrte Agent Nat dabei, seinen Status als Vereinsmeister abzusichern. Der durchtrainierte Endvierziger bekommt es mit einem zwanzig Jahre jüngeren Brexit- und Trump-Hasser namens Ed zu tun, der zwar reichlich quer im Leben steht, aber kein anderes Ziel verfolgt, als Nat zu schlagen. Fast schon ein wenig aufdringlich.

          Nat selbst wird vom „Dienst“ auf einen „ziemlich öden“ Austragsposten in Nordlondon gesetzt, der sich „Oase“ nennt und der wiederum der Abteilung „Großraum London“ untersteht. Das Postengeschiebe seiner Vorgesetzten lässt nicht wirklich erkennen, ob man ihn lieber für immer loshaben möchte. Seine ebenso kluge wie souveräne Gattin, die Menschenrechtsanwältin Prue, ist ohnehin längst dafür, dass Nat sich ins Privatleben zurückzieht. Dort lauert freilich Tochter Steff, deren früher Eintritt in die Pubertät ein „ziemlicher Albtraum“ gewesen war.

          Die unbekannte Seite eines Spions

          Nun studiert sie im zweiten Semester Philosophie und Reine Mathematik. Bei einem Skiurlaub legt Nat im Schlepplift seine Beichte ab, womit er sich in den vergangen Jahrzehnten beruflich beschäftigt hat, auch um zu klären, dass er nicht der erfolglose Botschaftsmitarbeiter ist, für den ihn Steff all die Jahre halten musste. Wir werden Zeugen einer Seite des Agentenlebens, die im Thriller bisher unterbelichtet ist – der Spion als Familienmensch. Von zwei starken Frauen in die Mangel genommen, aufbrausend von der Tochter, subtiler von der Gattin, hat Nat um häusliche Geländegewinne hart zu kämpfen. Und dann legt sich Steff einen muslimischen Zoologen aus Indien zu, den sie heiraten will. Dagegen wirken die Verwicklungen, in die Nat als Chef der „Oase“ hineinschlittert, beinahe gemächlich. Schließlich ist er ein mit allen Wassern gewaschener Diener seiner Majestät.

          John le Carré: „Federball“. Gelesen von Achim Buch. Hörbuch Hamburg Verlag, Hamburg 2019. 8 CDs, 587 Min., 24.– .

          Man kann sich diese geschliffen erzählte Geschichte, die durchaus Längen hat, von einem Vorleser erzählen lassen, der professionell die Figuren lebendig werden lässt. Achim Buch, 1963 geborener Schauspieler mit umfangreicher Bühnenerfahrung unter anderem in Mannheim, Frankfurt und Hamburg, hat als Synchronsprecher und televisionärer Darsteller viel Erfahrung mit dem Genre. Zuletzt hat er Kriminalromane von Simone Buchholz, Arne Dahl und Jo Nesbø als Hörbuch gelesen. Er sei wegen seiner „sonoren Stimme“ beliebt, verkündet das gewohnt dürftige Begleitblatt. Wer die Stimme nicht präsent hat, denke an einen Werbespot, der behauptet, es gäbe „siebenunddreißig Arten von Kopfschmerzen, die Sie selbst behandeln können“.

          Den Ich-Erzähler Nat spricht Buch durchgehend so, wie es sich für einen distinguierten Charmeur gehört, der auch eingesetzt wird, um Doppelagenten zu führen. Der leicht näselnde Ton der britischen Bildungselite kommt angemessen selbstironisch und distanziert daher, kaum je aus der Fassung geratend. Aber Buch kann auch anders, giftig und wütend, falsch-freundlich und kalt, schmeichelnd und stumpf. Niemals wirkt das überzogen, stets fein dosiert, dem Fatalismus der Story eine Grundierung verleihend.

          Denn Nat ist wie vielen seiner Kollegen das Hauptmotiv seines Agentseins abhandengekommen, seit der Kalte Krieg vorbei ist. Jetzt steckt sein Land im Brexit-Schlamassel, und für John le Carré gibt es – wie für seine Hauptfigur – keinen Zweifel, wie grundstürzend unglücklich diese Lage ist. Um das zu illustrieren, lässt der Autor Nat nach diversen Umwegen in den Strudel einer Geheimoperation stolpern. Amerikaner und Briten wollen gemeinsam sozialdemokratische Institutionen in der Europäischen Union mit Fake News destabilisieren. Das Schielen nach der Gunst des großen Bruders bedeutet für das Vereinigte Königreich, für künftige bilaterale Handelsabkommen den Resteuropäern in die Suppe zu spucken. Nur ein einsamer Idealist stemmt sich durch Geheimnisverrat dagegen – auch aus Liebe zu Deutschland.

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