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Krimi von Xavier-Marie Bonnot : Jäger des verlorenen Schatzes

  • -Aktualisiert am

Tödliches Geheimnis? Malerei aus der Höhle von Lascaux Bild: Reuters

Déjà-vu-Service für informierte Fans: Xavier-Marie Bonnots neuer Krimi ist ein kulturhistorisches Namedropping und handelt nebenbei von prähistorischen Felszeichnungen, Mythen und lauter Verrückten.

          3 Min.

          Da liegt sie nun auf dem eingeschalteten Fernseher. Mausetot. Ein Auge weit aufgerissen, das andere von einem Hämatom zur Hälfte verdeckt. Doch damit ist es noch nicht getan: Ihre Brust wurde geöffnet. Entsetzlich, aber steigerungsfähig: Das Herz fehlt. Wenn kurz darauf, gleichsam als perverse Krönung der Schlachtszene, das Wort „Kannibalismus“ fällt, weiß auch der begriffsstutzigste Leser, dass die Gewalt hier ein regelrecht mythisches Ausmaß erreicht hat.

          Kai Spanke
          (span.), Feuilleton

          Um diesen Aspekt zu unterstreichen, finden sich laufend solche Zitate: „Von den Sternen stürzt alle Zeit herab, so wird das Blut aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab!“ Kulturgeschichtliche Trüffelschweine wissen sofort, aus welcher Oper die Verse stammen. Alle anderen werden von Xavier-Marie Bonnot aufgeklärt – Richard Strauss, „Elektra“.

          Exorzismus und Schamanismus

          Der 1962 in Marseille geborene Autor studierte Soziologie und französische Literatur, bevor er in Geschichte promovierte. Die Früchte seiner Lektüren verteilt er großzügig im neuen Fall des Ermittlers Michel de Palma. Insofern ist „Der erste Mensch“ ein Déjà-vu-Service für informierte Krimifans, die sich über Wiedererkanntes freuen. Der Autor kokettiert damit, hochkulturelle Versatzstücke in ein Genre-Produkt zu gießen, und sein Publikum begibt sich auf doppelte Spurensuche: nach dem Mörder und nach den Referenzen. Deren auffälligste springt uns auf fast jeder Seite an, hat der Protagonist doch denselben Nachnamen wie jener Regisseur, der in seinen Filmen – etwa „Carrie“ oder „Scarface“ – gerne auf Besessenheit und Gewaltexzesse setzt.

          Xavier-Marie Bonnot: „Der erste Mensch“. Ein Fall für Michel de Palma. Kriminalroman. Aus dem Französischen von Gerhard Meier. Unionsverlag, Zürich 2020. 352 S., br., 19,– €.
          Xavier-Marie Bonnot: „Der erste Mensch“. Ein Fall für Michel de Palma. Kriminalroman. Aus dem Französischen von Gerhard Meier. Unionsverlag, Zürich 2020. 352 S., br., 19,– €. : Bild: Unionsverlag

          Das Geschehen ist ein Mosaik aus verschiedenen Handlungssträngen, welche zunächst nur eines gemein haben: Sie kreisen um Felszeichnungen und Kultobjekte, Rituale und Mythen. Zu Beginn stirbt ein Taucher, der prähistorische Spuren in einer provenzalischen Höhle untersucht. Mord? Wahrscheinlich. Wenig später flieht der verrückte Serienkiller Thomas Autran aus der Anstalt und schlägt anscheinend eine blutige Schneise quer durch Frankreich. Er sehnt sich zurück in die Zeit vor der neolithischen Revolution, was dem Leser bei jeder sich bietenden Gelegenheit ins Gedächtnis gehämmert wird. Autrans Schwester war einst eine renommierte Wissenschaftlerin (Kompetenzbereich Urgeschichte), sitzt inzwischen aber im Gefängnis und wird verdächtigt, ein inzestuöses Verhältnis zu ihrem Bruder gepflegt zu haben. Und dann sind da noch ihr akademischer Mentor, der, mittlerweile emeritiert, auf Körperpflege pfeift und mit einer Flinte vor seinem Haus hockt, und Autrans Therapeut, der einen „Neuansatz in der klinischen Psychiatrie“ verfolgt und viel Gewese um Exorzismus und Schamanismus macht.

          Ein bodenständiger Typ

          Im Mittelpunkt dieses Ensembles steht eine dreißigtausend Jahre alte Plastik, die 1970 bei Ausgrabungen entdeckt wurde und nun verschwunden ist – ein Hirschkopfmensch. Er ist das Totem, welches die Figuren offenbar so verrückt spielen und zu Jägern des verlorenen Schatzes werden lässt. Wenn es in Frankreich um Anormale und Außenseiter geht, ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Michel Foucault, der auch prompt zitiert wird: „Der Weg vom Menschen zum wahren Menschen führt über den verrückten Menschen.“ Der Weg zu Bonnots Krimi-Stil führt dagegen in die Abgründe raunender Sprache. Tiefste Dunkelheit, heftig pochende Herzen, dunkle Geheimnisse: Alle Substantive, die der Autor nicht mit einem klischeehaften Adjektiv entwertet, haben großes Glück. Nicht besser sind die Bilder: Weht der Mistral Plastiktüten bis zu den Fenstern des Polizeipräsidiums hinauf, ist das für den Erzähler, „American Beauty“ sei Dank, ein „Anblick, bei dem man übers Schicksal ins Grübeln kommen konnte“.

          Dabei ist de Palma eigentlich ein bodenständiger Typ, der dem Gemisch aus Archäologie und Psychiatrie die Routine des kurz vor seiner Pensionierung stehenden Ermittlers entgegensetzt. Er „liebte Unwetter, das Toben der Elemente, den Salzgeruch in der wilden Luft“, er sucht Bibliotheken auf, ist dann allerdings angewidert von den Computern und hält Ausschau nach Karteikästen. Wie Georges Simenons Kommissar Jules Maigret zeigt sich de Palma nicht allein an der Lösung des Falls interessiert, sondern auch an den psychologischen Gründen hinter der Tat.

          Seine Jugendliebe Eva bemerkt einmal, sie habe gelesen, „dass man den Wahnsinn durch die Poesie verstehen und heilen kann“. Ein durchaus ironisches Statement, ist Bonnots Roman doch weit davon entfernt, poetisch zu sein.

          Xavier-Marie Bonnot: „Der erste Mensch“. Ein Fall für Michel de Palma. Kriminalroman. Aus dem Französischen von Gerhard Meier. Unionsverlag, Zürich 2020. 352 S., br., 19,– €.

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