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Interview mit Garry Disher : „Der wahre Australier ist ängstlich“

Wer vom Schreiben leben will, muss diszipliniert sein. Garry Disher, hier an seinem Arbeitsplatz, ist ein Verfechter der Sechstagewoche. Bild: Darren James

Er ist einer der Großen des zeitgenössischen Krimis: Im Gespräch über seinen neuen Roman „Hope Hill Drive“ erklärt Garry Disher, welche Rolle der Schauplatz in seinen Büchern spielt – und was ihn an seinen Landsleuten besonders reizt.

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          Herr Disher, wie ergeht es Ihnen in der Corona-Krise?

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir sind gerade mitten im zweiten Lockdown, und alle sind sehr besorgt. Ich lebe im australischen Bundesstaat Victoria, wo aufgrund eines plötzlichen Anstiegs der Fallzahlen gerade besonders strenge Regeln gelten. Viele Geschäfte sind geschlossen, wir dürfen uns beim Einkaufen nicht mehr als fünf Kilometer von zu Hause entfernen, Freunde und Angehörige kann man nur in Sonderfällen besuchen. Der erste Lockdown war neu und gut auszuhalten, der zweite ist erdrückend und macht allen klar, welche Gefahr von dem Virus ausgeht.

          Was machen Sie den ganzen Tag?

          In gewisser Weise war ich als Autor schon immer sozial isoliert. Tage, an denen ich keinem Menschen begegne, sind durchaus die Regel. So gesehen hat sich für mich nicht viel geändert. Vor wenigen Wochen habe ich den dritten Roman um den Polizisten Paul Hirschhausen beendet. Während des Schreibens habe ich versucht, das Virus in die Handlung zu weben, musste aber erkennen, dass mein Plan nicht aufgeht. Denn alles, was ich mir rund um die Pandemie ausgedacht hatte, würde sicherlich schlecht altern. Also habe ich getan, als gäbe es das Virus nicht.

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          Wie kriegen Sie es hin, seit Jahren besser und besser zu werden?

          Ich nehme diese Entwicklung selbst gar nicht wahr. Vielleicht liegt es daran, dass ich mit den Jahren mehr Zutrauen zu meinen Fähigkeiten entwickelt habe. Ich versuche fortwährend, meine Grenzen zu testen und meine Möglichkeiten zu erweitern. Zugleich fühle ich mich, als würde ich einen Drahtseilakt vollführen und jeden Moment stolpern. Ich glaube, es gelingt mir, schriftstellerisch auf der Höhe zu bleiben, indem ich laufend unterschiedliche Projekte angehe, etwa Krimis oder Kinderbücher.

          Schon in Ihrem Buch „Writing Fiction“ aus dem Jahr 1983 schreiben Sie, man müsse als Autor Selbstvertrauen haben.

          Das war wahrscheinlich nur Schall und Rauch. Was ich sagen möchte, ist dies: Keine Angst vor Risiken. Wenn man als Autor zaghaft ist und das Gefühl hat, nicht gut zu sein, dann wird der Text auch nicht gut. Man braucht ein gewisses Maß an Selbstvertrauen. Vielleicht führt das am Ende zu nichts, aber es ist ein guter Ausgangspunkt.

          Sie wagen sich an ganz unterschiedliche Protagonisten: Hal Challis ist Ermittler, Wyatt Verbrecher, Hirschhausen Polizist im Outback. Erfordern solche Figuren unterschiedliche Herangehensweisen?

          In der Tat. Die Wyatt-Bücher etwa sind auf die Story ausgerichtet, es ist wichtig, dass wir nicht zu viel über die Hauptfigur wissen. Würden wir erfahren, dass Wyatt eine schwierige Kindheit hatte, von seinen Eltern vernachlässigt oder von seinem Vater geschlagen wurde, wäre er sofort eine verwundbare Gestalt – und damit nicht mehr Wyatt. Insofern richte ich mich hier gegen eine Grundregel des Schreibens, wonach der Protagonist ein gut ausgeleuchteter Charakter zu sein hat. Dennoch bekomme ich Post von meinen Lesern, in der es heißt: „Ich goutiere Wyatt nicht, aber ich will, dass er gewinnt.“ Die Romane der Reihe ziehen ihre Energie aus der Frage, ob dieser kalte, kontrollierte und vorausschauende Verbrecher mit seinen Taten davonkommen wird. Über Hirschhausen erfahren wir viel mehr, weil wir gewissermaßen in seinem Kopf stecken und ihn durch den ganzen Plot begleiten. Alles, was ihm rätselhaft erscheint, ist auch für uns verwirrend. Dieses Verfahren der Suspense-Erzeugung habe ich gewählt, weil er als ehemaliger Stadtpolizist neu in dem kleinen Nest Tiverton ist und seine Umgebung als seltsame, unbekannte Welt erlebt.

          Von der Perspektive hängt also die Art der Spannung ab?

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