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Roman „Desert Moon“ : Wachsende Leichenberge

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Die amerikanische Wüste als Handlungsort Bild: dpa

Der spätberufene Autor James Anderson schickt seinen Helden Ben in die Wüste. Was dieser dort erlebt, wird beschaulich und mit stilistischen Registerwechseln dargestellt.

          Zu den wichtigsten Leitbildern der amerikanischen Geschichte gehört die gottgewollte Expansion Richtung Pazifik. „Manifest Destiny“ nannte man im neunzehnten Jahrhundert die dazugehörige Doktrin, welche im Selbstverständnis des Landes bis heute nachwirkt. Aufklärung, Freiheit und Pioniergeist: Wer diese Dinge im Sinn hatte, zog westwärts. Die Kulturgeschichte reagierte darauf mit zwei Genres, die das Motiv der Reise als gebrochene Metapher inszenieren – Roadnovel und Roadmovie.

          Dieses Erbe schleppt Ben Jones – Ende dreißig, Sohn eines Indianers und einer Jüdin – unablässig mit sich herum. Den ganzen Tag lang sitzt er in seinem Truck und fährt durch die Wüste. Allerdings – und hier wird es deprimierend – prescht er stets denselben Abschnitt der State Route 117 in Utah hoch und runter. Er arbeitet dort, dies gleich der nächste Dämpfer, als Zusteller und beliefert Gestrandete, Aussteiger und Fanatiker. Im Gegensatz zu den sorgenfreien Connaisseurs der Beat-Generation hat er mit Jazz, Dichtung und Drogen nichts zu schaffen. Dafür ist er schlecht gelaunt, erschöpft und fast pleite.

          Biker, Aliens und aus Atomstrahlung geborene Monster

          Bens Ein-Mann-Unternehmen heißt wie der Roman, dessen Protagonist er ist: „Desert Moon“. Über den spätberufenen Autor James Anderson weiß man nicht allzu viel, jedoch ist bekannt, dass er eine Zeitlang als Trucker gearbeitet hat. Er verfügt also über die nötigen Kenntnisse, um den Trott seines Helden akkurat zu skizzieren. Als Ödland-Sisyphus, der seit Jahren das Immergleiche immer ein wenig anders verrichtet, ist Ben in der Hölle ewiger Wiederholungsschleifen gefangen: „Allmählich machte sich kalte Verzweiflung in mir breit. Die Dinge mussten sich ändern. Das war mein Wunsch.“

          James Anderson: „Desert Moon“

          Neben der Hauptfigur wirken auch die Räume wie aus der Zeit gefallen. Im Original trägt der Krimi einen seiner entscheidenden Handlungsorte im Titel: „The Never-Open Desert Diner“. Der Besitzer des Restaurants heißt Walt Butterfield, er schraubt an Motorrädern herum, benimmt sich wie ein Soziopath und hat zahlreiche Leichen im Keller sowie eine auf der Toilette. Von den fünfziger Jahren an tauchte sein Diner in Dutzenden Low-Budget-Filmen auf, die von Bikern, Aliens und aus Atomstrahlung geborenen Monstern handeln. 1987 hat Walt den Laden geschlossen, ohne jedoch die Pflege des Interieurs aufzugeben. Die entsetzliche Geschichte dahinter schildert Andersons Ich-Erzähler im Duktus eines sachlichen Berichts.

          Die Facetten der Wüste

          Quer dazu stehen die oft poetischen, mitunter lieblichen, zuweilen schlicht kitschigen Töne, die er bei anderen Gelegenheiten anschlägt. Sonnenuntergang in der Wüste: „Eine Windböe wirbelte das Licht und den Sand zu einer rosaroten Säule auf, die immer höher stieg und schließlich ein zuckerwattiges Loch in den babyblauen Himmel stieß.“ Unerwartete Begegnung: „Die Frau kam mir vor wie eine geisterhafte Erscheinung, die den Eingang eines Friedhofs bewacht.“ Bens Imagination scheint mithin reibungslos zu funktionieren, was er durchaus zu schätzen weiß: „Phantasie ist eins der wenigen Dinge, auf die man sich immer verlassen kann. Man muss sie nur gebrauchen.“ Dann aber wieder: „Ich war ein Niemand, der für einen Hungerlohn mit einem geleasten Truck am Arsch der Welt Sachen ausfuhr.“

          Die stilistischen Registerwechsel harmonieren mit dem Schauplatz. Mal lernen wir die Wüste als ausgedörrtes Niemandsland kennen, dann wieder verwandelt sie sich nach einem Gewitter in einen bedrohlichen Sumpf. Schon in der Bibel ist sie derart vielgestaltig: ein Ort der Gottesbegegnung, eine andauernde Erinnerung ans Totenreich, ein Refugium für Flüchtende. Eine Verfolgte gibt es auch in „Desert Moon“. Sie heißt Claire, versteckt sich in einem Haus, das diese Bezeichnung kaum verdient, und spielt unbekleidet auf einem Cello ohne Saiten. Ben beobachtet die surreale Szene – und verliebt sich. Er spricht sie an, sie bedroht ihn mit einer Waffe. Er lässt nicht locker, sie kommt ihm entgegen. Gleichwohl hat Walt in dieser Angelegenheit noch ein triftiges Mitspracherecht.

          Anschließend zerbröselt Bens Alltagsroutine. Eine fremde Frau macht ihm Avancen, ein Fernsehproduzent will eine Reality-Show mit ihm drehen, die schwangere Frau, mit deren Mutter Ben einst liiert war, verschwindet unter mysteriösen Umständen. Und der Leichenberg wächst. Leider wird all das am Ende in entwaffnender Ausführlichkeit erklärt. Mehr Mut zur Verständnislücke hätte diesem halblauten, streckenweise kontemplativen Roman gut angestanden.

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