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Harry Binghams Krimi „Fiona“ : Diese Frau muss man kennen

Fiona erinnert an Carrie Mathison aus der Serie „Homeland“ Bild: 20th Century Fox

Klingt nach Clare Danes: Harry Bingham hat mit Fiona Griffiths eine Ermittlerin geschaffen, deren Fälle zum intelligentesten und vergnüglichsten Krimistoff dieser Jahre gehören.

          Kann sich ein mittelalter Mann in eine halb so alte Frau einfühlen, die in ihrer Jugend am Cotard-Syndrom litt, einer schweren psychischen Störung, die dazu führt, dass sich die Betroffenen nicht sicher sind, ob sie am Leben sind oder nicht viel eher tot? Einfühlen in eine Mittzwanzigern, die als Zweijährige auf dem Rücksitz eines Cabrios ausgesetzt wurde und das Glück hatte, dass der Wagen einem Paar gehörte, das als Pflegeeltern ihr Bestes geben würde. In eine junge Polizistin, die ihr Philosophiestudium in Cambridge mit Auszeichnung abgeschlossen hat, und sich nun bei der Kripo von South Wales in Cardiff der Verfolgung des Bösen widmet, unter gleichzeitiger Durchleuchtung der Vergangenheit ihres Ziehvaters, der ein König der Unterwelt ist. In eine Cannabis rauchende, Pfefferminztee trinkende Frau, die gern den „Planeten Normal“ bewohnen würde.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der Mann, der dieses Kunststück geschafft hat, heißt Harry Bingham, ist ein englischer Schriftsteller, der sich nach einer Laufbahn bei einer amerikanischen Großbank auf das Schreiben von politisch-wirtschaftlichen Sachbüchern verlegt hat und nun seit sieben Jahren die Krimiwelt mit seiner Fiona-Reihe beglückt. In Deutschland verfing der im Blanvalet-Verlag unternommene Anlauf, die Reihe durchzusetzen, nicht.

          Nun versucht es Rowohlt. Dieser Tage erscheint mit „Fiona: Wo die Toten leben“ der fünfte Band in deutscher Übersetzung. Fiona kennen heißt, sie zu lieben und den Hut zu ziehen vor der Intelligenz und dem Sprachwitz ihres Erfinders, der sich darauf versteht, spannende und vertrackte Fälle zu konstruieren, damit sich seine Protagonistin bei weit überdehnter Auslegung ihrer Befugnisse und nicht selten auf eigen Kosten körperlich und seelisch komplett verausgaben kann. So etwa als Undercover-Ermittlerin in „Unten im Dunkeln“ (Band 4), in dem sie sich als Buchhalterin in ein Syndikat einschleust, das den ganz großen Abbuchungs-Coup plant.

          Willenskraft, Mut und Nahkampftechnik

          Klingt nach Superheldin, und bedient sich doch nur gewisser Action-Versatzstücke dieses Genres. Denn Bingham baut immer wieder Schwächeperioden ein, Momente, in denen seine Ich-Erzählerin glaubt, wieder in den Abgrund ihrer Krankheit zurückzufallen. Ihre Geistesmechanik funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten als die ihrer „normalen“ Kollegen. Sie erkennt Zusammenhänge, wo andere noch nicht einmal einen Fall konzedieren. Ihre Zierlichkeit kompensiert sie mit Willenskraft, Mut und Nahkampftechnik. Die Gesellschaft von Toten schätzt sie und sie lässt sich schon mal über Nacht in der Pathologie einschließen, um ihnen nahe zu sein. Wenn sie ein Date hat, memoriert sie die Spielregeln des Flirtens.

          Harry Bingham: „Fiona: Wo die Toten leben“. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Kristof Kurz und Andrea O’Brien. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019.

          Mit dem ersten Band zu beginnen, ist nicht zwingend, aber sinnvoll: Bingham zieht mit jeder Folge die Fäden länger, die sowohl Fionas ungeklärte Abstammung als auch die Fälle untereinander verweben. Eine Konstante bildet dabei die Herausforderung, die sie für ihre Vorgesetzten darstellt, die aus ihr eine vernünftige Polizistin machen wollen. Im aktuellen Fall geht es um die bislang schönste Leiche – eine zauberschöne, in einer walisischen Dorfkirche aufgebahrte Frau in weißem Sommerkleid mit frischgewaschenen Haaren und nicht rasierten Beinen, die offenbar einer Herzschwäche erlag.

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