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Harry Binghams Krimi „Fiona“ : Diese Frau muss man kennen

Aber wer hat sie warum dort drapiert, welche Rolle spielen die Mönche eines nahe gelegenen Klosters? Und vor allem: Wer hat „Carlotta“, wie Fiona sie nennt, schönheitschirurgisch veredelt, und zwar vom Allerteuersten? Die Suche nach einem solchen Meister führt nach Hollywood und damit zur Identität der Toten: sie ist die Tochter eines ukrainischen Multimillionärs, die entführt worden war. Dass unweit der Kirche vor Jahren eine junge Einheimische verschwand, zwingt Fiona zur Grabungsarbeiten, in deren m Verlauf sie eine Höhle entdeckt – und dann wird es grausam klaustrophobisch.

Die Cover sollte man ignorieren, denn das Super-Girl-Signal der Umschläge führt in die falsche Richtung oder bemüht eine Ironie, die in der Schnelldreherwelt der Krimistapel verpufft. Man kann bei Bingham viel lernen über die Routinen des Polizeialltags, das Mahlwerk der Hierarchie („Ja, Sir“), aber auch über die Gesellschaft, in der diese in der Gegenwart angesiedelten Romane spielen. Über den Wandel Cardiffs und die uralte Feindschaft gegenüber den einst die Kelten bezwingenden Angeln, Jüten und Sachsen, die sich heute Engländer nennen. Der Autor ist in Schnittgrößen von aktuellen Jeans-Marken ebenso bewandert wie im Hacken von Betriebssystemen und im Höhlenklettern. Und er schaut Fiona beim Lesen über die Schulter und sieht Bücher des analytischen Philosophen Saul Kripke („Name und Notwendigkeit“) und der Mystikerin Juliana von Norwich („Offenbarungen göttlicher Liebe“).

Umberto Eco ist immer in der Nähe

Schließlich ist Detective Sergeant Griffiths ein überkomplexer Charakter. Als man sie in Folge vier in die Asservatenkammer versetzt, ist sie kurz davor, einzugehen. Nichts schlimmer als „lebensbedrohliche Langeweile“. Denn sie erkennt stets den großen Bogen, wo andere nur Kennzeichen abgleichen, findet immer das Verbrechen, das zu ihren Leichen passt. Auf ihrer ganz privaten Abschussliste („Operation April“) stehen fünf wohlhabende Waliser, die fern der Verbrechenshauptstadt London ein kriminelles Netzwerk aufgebaut haben. Zwei hat sie schon abgeräumt.

Dass es nicht einfach ist, die Plausibilitätskontrolle zu behalten, das zeigt „Wo die Toten leben“ auch. Passagenweise sind die Mittelalter-Bezüge arg gewollt, Umberto Eco ist immer in der Nähe. Aaber Harry Bingham fängt die Geschichte elegant wieder ein, geht den Ermittlungsweg bis zum Ende.

Und er lässt Fiona sogar beichten. Von den sieben Todsünden gesteht sie zweieinhalb – Zorn, Hochmut und ein wenig Neid –, entdeckt aber noch eine achte: Unaufrichtigkeit: „Ich belüge meine Vorgesetzten und Freunde und gebe vor, jemand zu sein, der ich nicht bin. Und das alles mit Vorsatz und in böswilliger Absicht. Ohne Scham oder Reue. Man kann mir nicht trauen.“

Wenn Bingham durchhält, ist er auf dem besten Weg, ein walisisches Sittenpanorama zu malen: Fiona Griffiths im Kreise ihrer Leichen. Nach derzeit gut 2700 von Kristof Kurz und Andrea O’Brien ins Deutsche übersetzten Seiten bleibt nur, eine dringende Leseempfehlung aussprechen. Lange nicht mehr so gut unterhalten worden.

Harry Bingham: „Fiona: Wo die Toten leben“. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Kristof Kurz und Andrea O’Brien. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. 576 S., br., 10,– .

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