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Neuer Thriller von Un-su Kim : Das Gesetz des Gewaltmarkts

  • -Aktualisiert am

„Das Lesen von Büchern verurteilt dich zu einem Leben voller Angst und Scham“, so lernt es Un-su Kims Killer. Bild: Mauritius

Eine ganze Gesellschaft auf der schiefen Bahn: Der Koreaner Un-su Kim wird als neuer Mankell gehandelt. Dabei ist er viel besser.

          Verpfuschte Biographien findet man in Kriminalromanen zuhauf. Raesengs Leben begann jedoch mit einem besonderen Tiefschlag: Als Baby wurde er in einer Mülltonne abgelegt. Es folgten vier Jahre hinter Klostermauern und die Adoption durch einen Schwerverbrecher. Schule? Bestenfalls ein frommer Wunsch. Broterwerb? Profikiller. Allerdings kommt Raeseng das Berufsethos langsam abhanden, weswegen seine Auftraggeber mit dem Gedanken spielen, aus dem Mörder den Ermordeten zu machen. Er wäre ein leichtes Opfer, denn nach jeder Bluttat versinkt er im „bodenlosen Sumpf der Depressionen“, aus dem er sich nur mit einem Manöver freikämpfen kann – Dauersaufen. Das ist die Abwärtsspirale, in der er sich befindet, töten und trinken, weiter töten, weiter trinken.

          Auch die Literatur kann hier nichts mehr ausrichten. Raeseng ist in der Bibliothek seines Ersatzvaters Old Raccoon aufgewachsen. Sie umfasst zwanzigtausend Bücher und dient als Versammlungsort der übelsten Schurken Koreas. Dass sie „Dog House“ heißt, trifft sich gut, weil Raeseng seine Existenz in einer Tonne begonnen hat. Da ist es nur noch ein kleiner assoziativer Schritt zu Diogenes, der ein solches Behältnis gleich als dauerhafte Wohnstätte nutzte und unter dem Beinamen „der Hund“ bekannt war.

          Wie ein dystopisches Comic-Universum

          Eine nicht abwegige Engführung, denn das vom Philosophen hochgehaltene Ideal einer Unabhängigkeit von äußeren Zwängen verfolgt auch Raeseng. Letzterem bot die Bibliothek jedenfalls die Möglichkeit, der Langeweile mit einer simplen Maßnahme zu entkommen: lesen lernen. Und der Leser, das wusste schon Kurt Tucholsky, hat es deswegen gut, weil er sich seine Schriftsteller aussuchen kann. Etwa Homer. An Achilles’ Beispiel wurde Raeseng klar, wie verwundbar jeder noch so tapfere Krieger ist. Old Raccoon hatte es ihm schon früh eingebleut: „Das Lesen von Büchern verurteilt dich zu einem Leben voller Angst und Scham.“

          Bevor man dieser Warnung Gehör schenkt und der Literatur abschwört, sollte man schleunigst zu Un-su Kims Thriller „Die Plotter“ greifen, aus dem das Zitat stammt. Der 1972 geborene Südkoreaner wird momentan als asiatischer Henning Mankell gehandelt, was freilich absurd ist. Das von Kommissar Wallander verströmte Provinz-Odeur und die ermüdend absehbaren Gewaltauswüchse, mit denen er sich befassen muss, haben nichts gemein mit Kims gekonnt ineinander verwobenen Geschichten um seelisch ruinierte Figuren.

          Die Ereignisse eines skandinavischen Durchschnittskrimis entfalten sich in einer Welt, die unserer Realität ähnelt, sie aber an entscheidenden Stellen überzeichnet: abgeklärter die Abgeklärten, irrer die Irren, blutiger die Bluttaten. Kim lässt solche Genre-Usancen hinter sich, indem er einen Handlungsraum entwirft, der an ein dystopisches Comic-Universum erinnert. Wir treffen gleichermaßen auf archetypische und aus jedem Raster fallende Figuren, die sich an seltsame Codes halten und surreale Orte bevölkern.

          Verschwörungsdesigner aus höchsten Kreisen

          Dazu gehört der Fleischmarkt, wo ein altes Klischee aus Gangsterfilmen sinnfällig wird: Es ist nichts Persönliches, nur das Geschäft. Der Fleischmarkt ist der „kapitalistischste aller Märkte, was bedeutete, man konnte hier alles kaufen, solange man das nötige Kleingeld hatte“. Darunter fallen Organe und Gift, osteuropäische Frauen und Drogen. Aber auch Rache oder Rehabilitation. Das Einzige, was es dort nicht gibt, sind „billige Gefühle, für die niemand sich interessierte“. Mit dem Soziologen Georg Elwert lässt sich der Fleischmarkt als Gewaltmarkt charakterisieren. Für gewöhnlich wird Gewalt mit Emotionen und Irrationalität assoziiert. Ihre Deutung fällt in den Zuständigkeitsbereich von Pädagogen, Therapeuten und Psychologen.

          Bei Kim jedoch folgt Gewalt einem ökonomischen Imperativ. Sie wird zweckrational eingesetzt und ist ein wirkungsvolles Mittel marktwirtschaftlichen Erwerbsstrebens. Für jede noch so ruchlose Nachfrage hat der Fleisch- respektive Gewaltmarkt das passende Angebot. Raeseng ist ein Produkt dieses schrankenlosen Kapitalismus: „Die Vorstellung, man könne jemanden umbringen für etwas, woran man glaubte, jagte ihm plötzlich Angst ein.“

          In Kims Krimi ist die gesamte Gesellschaft auf die schiefe Bahn geraten. Heimlich agierende Verschwörungsdesigner aus höchsten Kreisen – die sogenannten Plotter – entwickeln neurotisch genau ausgetüftelte Mordpläne, welche von ihren Handlangern umgesetzt werden. Wer schludrig ist oder, wie Raeseng, bewusst vom Plan abweicht, landet auf einer Todesliste.

          Als er einmal nach Hause kommt und bemerkt, dass bei ihm eingebrochen wurde, zerlegt Raeseng seine ganze Wohnung auf der Suche nach einer Wanze oder Bombe. Er weidet die Wanduhr aus, zerschneidet die Matratze und untersucht jeden Beutel im Gefrierschrank. Einundzwanzig Stunden lang wütet er wie ein Berserker, dann lässt er sich im Chaos nieder und entschlummert.

          Zum einen verbeugt sich Kim mit dieser Szene vor Francis Ford Coppolas Thriller „Der Dialog“ (1974), an dessen Ende Gene Hackman auf der Suche nach einer Abhöranlage sein Apartment zerstört. Zum anderen illustriert sie die Getriebenheit des Protagonisten. Raeseng ist, trotz Button-down-Hemd und Lederjacke, das Gegenteil eines lässigen Kriminellen. Vielmehr wird er zwischen den Fronten zweier Syndikate kaputtgerieben. Da ist die Truppe des „Dog House“, der er selbst angehört, und da ist die nächste Generation von Killern, die alles daransetzt, die Bibliothek für immer zu schließen. Als plötzlich eine Frau auftaucht, die den Fleischmarkt ausmerzen, die Plotter eliminieren und ein Buch ausfindig machen will, in dem jeder wichtige Mord der modernen koreanischen Geschichte verzeichnet ist, steht einem zünftigen Schlachtfest nichts mehr im Weg.

          Während Raeseng die Messer wetzt und sich auf das Finale vorbereitet, denken wir abermals an Kurt Tucholsky: Solange man sich als Leser Autoren wie Un-su Kim aussuchen kann, hat man es wirklich gut.

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