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Italien-Skandalkrimi : Blutwunder tut gut

War er kriminell? Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) Bild: dpa

Gutmenschen, Kleriker und Geldscheffler verstricken sich in Stefan von der Lahrs Krimi „Hochamt in Neapel“ in aktuelle, aber auch historische Intrigen – wie bei Dan Brown, nur viel intelligenter.

          Auf diese Idee musste erst einmal jemand kommen – dass Johann Joachim Winckelmann, der deutsche Säulenheilige der Altertumswissenschaften, in eine Intrige verstrickt gewesen wäre, die einen neapolitanischen Bischof auf den Papstthron hätte bringen sollen – mit Hilfe der Kaiserin Maria Theresia in Wien, der als Gegenleistung der gläserne Sarg Alexanders des Großen samt Inhalt zugesagt war. Jene geheime Mission nämlich wäre der eigentliche Zweck von Winckelmanns letzter Reise gewesen, die auf dem Rückweg mit seiner Ermordung in Triest am 8. Juni 1768 endete.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Und das ist nur der eine, der historische Teil von Stefan von der Lahrs Kriminalroman, der den neuen Weihbischof von Neapel, Gian Carlo Montebello, und seine Helfer in Alarm versetzt. Schließlich geht es darum, das Bekanntwerden eines frühen Skandals der katholischen Kirche zu verhindern. Und ein bisschen auch darum, die Überreste des makedonischen Schlachtenlenkers, die angeblich an einem heiligen Ort in Neapel ruhen, als Erste zu finden.

          Der andere, brandaktuelle Teil zieht das Netz von Machenschaften global agierender Verbrecher immer enger, denen in Rom der Commissario Vincenzo Bariello auf die Spur kommt. Es beginnt mit dem Unfalltod eines Zollbeamten, der sich ziemlich zügig als Mord herausstellt, verübt von einem Mitglied der Camorra. Die Ermittlungen führen zu Firmen, die sich vorgeblich weltweit agierendem Gutmenschentum widmen oder auch der Entsorgung von radioaktiv verseuchtem Schrott medizinischer Geräte. Die unterschiedlichen Jagden beginnen, voneinander getrennt, in Neapel und Rom.

          Stefan von der Lahr: „Hochamt in Neapel“. Kriminalroman. C. H. Beck Verlag, München 2019. 365 S., br., 19,95 Euro

          Und mehr sei hier nicht verraten über diesen rasant konstruierten und mit brisantem Stoff aufgeladenen Roman. Dass Bildung nicht vor der Phantasie für kriminelle Energie schützt, dass geschichtliche Kenntnisse, der Vergangenheit wie der Gegenwart, die Imagination im Gegenteil erst so richtig in Fahrt bringen, beweist Stefan von der Lahr. In eleganter Sprache und perfektem Spannungsaufbau lässt der Althistoriker, der seit vielen Jahren als Lektor im Verlag C. H. Beck arbeitet, die skrupellosen Manipulationen und Tötungsmanöver, die zum Tagesgeschäft gehören, in seinen kühlen Beschreibungen regelrecht greifbar werden. Mehr noch, von der Lahr entwirft, schon schrecklich plausibel, ein Szenario der perversen Regeln asymmetrischer Kriegsführung in unserer Gegenwart, zu deren Opfern die Schwächsten werden, wie die Menschen in den Armenvierteln Neapels.

          Den Leser erwartet kein moralischer Grundkurs über die langlebige, ungute Allianz von Mafia, katholischer Kirche und Kapital. Sondern ein literarisches Vergnügen, bei dem er es mit beherzten Akteuren in Neapel und Rom zu tun hat, die endlich zueinanderfinden. In Neapel zickt zunächst ein spanischer Dominikanermönch, sozusagen das Vorzimmer des mutigen Weihbischofs, eine neugierige amerikanische Archivarin an, und in Rom sammelt der Kommissar Bariello seine gemischte Hilfstruppe. Gemeinsam marschieren sie gegen das Böse. Über allem liegt ein Hauch von Dan Brown, nicht zuletzt wegen der ausgemalten Katastrophendimension. Vor allem aber, weil Stefan von der Lahr seine bildschönen Exkurse in die Kultur- und Kunstgeschichte spielend einflicht.

          So steht (nicht ganz) am Ende, nachdem schon sehr viel anderes Blut fließen musste, das „Hochamt in Neapel“, dass zu Ehren des Stadtpatrons San Gennaro abgehalten am 19. September, im Dom zelebriert wird vom Weihbischof Montebello. Das Blut des Märtyrers Januarius, aufgefangen in einer gläsernen Phiole, verflüssigt sich da, als gutes Omen für die leidende Stadt. Oder eben nicht. Ob der erlösende Ruf „Liquefazione!“ erschallt, heizt die Spannung weiter auf. Außerdem müssen ja auch noch irgendwo die Knochen Alexanders sein. Und weil der Autor so hart an der Wahrscheinlichkeit entlang arbeitet, macht die bekannte Abstandsformel über „Fakten und Fiktionen“ am Schluss für einmal wirklich Sinn.

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