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Neuer Krimi von Garry Disher : Australischer Krimi-Meister

Wenn die Dämmerung einsetzt, kommt nicht unbedingt Frieden ins Outback. Garry Disher zeigt uns Australien als sozial kaltes Land. Bild: VU/laif

Garry Disher ist einer der besten zeitgenössischen Krimiautoren, weil er aus einer Lösung ein Rätsel machen kann. Dabei erscheint jeder Handlungsschwenk wie eine absolute Notwendigkeit.

  • -Aktualisiert am

          Am Anfang schuf Garry Disher eine Schlange. Es hätte kein anderes Tier sein dürfen, denn die listige Verführerin aus dem ersten Buch Mose bringt eine Ermittlung in Gang, an deren Ende die fundamentalen Dinge des Lebens stehen: Gut und Böse, Schuld und Sühne, die Frage nach Gott. Das Reptil, ein giftiger Kupferkopf, gleitet über die Veranda einer kleinen Familie und verschwindet unter einer Betonplatte. Panik. Zunächst kommt der Schlangenfänger, dann dessen Kumpel, der sich mit einem Brecheisen ans Werk macht. Unter der Platte vermuten die Männer ein ganzes Natternnest. Sie schauen nach und stellen erschrocken fest, dass sie sich geirrt haben: keine Kriechtiere, dafür eine verrottete Leiche.

          Damit ist der Ton gesetzt und der Fall eröffnet. Nach dem klassischen Muster des Detektivromans müsste nun ein Polizist anrücken, um herauszufinden, wer der Tote ist, ob er ermordet wurde und falls ja, wer ihn warum auf dem Gewissen hat. Die Spurensuche würde tief in die Vorgeschichte des Verbrechens eintauchen und die Neugier des Lesers anfachen: Wie wird der Täter überführt? Wo lauern falsche Fährten? Werde ich vor der Polizei auf die Lösung kommen? All das trifft auch hier zu, aber weil Disher, der in zehn Tagen siebzig wird, keine Krimis nach Lehrbuch schreibt, breitet er in seinem neuen Roman „Kaltes Licht“ noch einen zweiten Fall aus. Und einen dritten. Und einen vierten.

          Vom Detektivroman zum Thriller

          Das ist viel Zeug, vor allem für einen Ermittler, der seine glorreichen Tage hinter sich hat. Sergeant Alan Auhl arbeitete „zehn Jahre in Uniform, zehn in verschiedenen Sondereinheiten, zehn bei der Mordkommission“. Mit fünfzig war er so „ausgebrannt und traurig“, dass an der Frührente kein Weg vorbeiführte. Nun ist er zurück, allerdings in der Abteilung für ungelöste Fälle und vermisste Personen. Man hat ihn rekrutiert, „um jüngere Detectives für andere Aufgaben freisetzen zu können“ und weil er einen „erfahrenen Blick auf ungeklärte Morde“ mitbringt. Davon gibt es reichlich in den Polizeiakten des australischen Bundesstaats Victoria. Zweihundertachtzig seit den fünfziger Jahren, um genau zu sein. Hinzu kommen rund tausend verschwundene Personen, von denen ein Drittel wahrscheinlich Mordopfer sind.

          So gesehen muten vier Recherchen dann doch machbar an. Der zweite Fall dreht sich um einen Mann, der auf seiner Farm tot aufgefunden wurde, die Fälle drei und vier sind interessanter, gehen sie doch mit einem Genrewechsel einher – vom Detektivroman zum Thriller. Dabei ändert Disher die Zeitachsen. Während die Vergangenheit immer unwichtiger wird, entwickelt sich die Spannung, von der Gegenwart ausgehend, in die Zukunft, was bedeutet: Richtung Verbrechen. Plötzlich entsteht der Nervenkitzel aufgrund von Delikten, die noch passieren könnten, nicht wegen Taten, die bereits begangen wurden. Insofern befindet sich der Leser nicht länger im Bann alter Geheimnisse, sondern im Thrill des „Suspense“. Hauptfigur des dritten Falls ist ein Arzt, der verdächtigt wird, seine Ehefrauen zu vergiften; die vierte Geschichte handelt von einer jungen Mutter, die verhindern will, dass ihr zwielichtiger Mann die gemeinsame Tochter sieht. Beide Erzählstränge lassen die gängige Krimietikette am Ende wie harmlosen Mumpitz aussehen, indem sie aus einem bemerkenswerten Ermittler einen unvergesslichen Grenzgänger machen.

          Die Risiken und Nebenwirkungen eines solchen Vielklangs haben schon manchen Autor restlos überfordert, manchen Plot unter einem Schwächeanfall zusammenklappen lassen, manchen Leser in Orientierungskalamitäten getrieben. Disher hingegen dirigiert sein Ensemble so taktvoll, dass jede Figur an der richtigen Stelle das Richtige sagt und dass jeder Handlungsschwenk wie eine absolute Notwendigkeit erscheint. Um das Geschehen zu verdichten, benötigt er keine Action- und Bombastsequenzen; vielmehr verweigert er Antworten auf maßgebliche Fragen und lässt etliche Facetten seines Personals im Ungefähren. „Kaltes Licht“ ist kein Roman der scharfen Konturen, sondern der weich gezeichneten, ineinanderfließenden Vignetten. Nur wenige Krimi-Autoren beherrschen dieses erzählerische Sfumato ähnlich virtuos. Falls Karl Kraus mit der Behauptung richtigliegt, dass nur derjenige ein Künstler ist, der aus der Lösung ein Rätsel machen kann, darf an Dishers Kunstfertigkeit keine Sekunde gezweifelt werden.

          Als er erfuhr, dass „Kaltes Licht“ zwei Jahre nach der Publikation des Originals auf Deutsch erscheinen soll, hat Disher seinem hiesigen Verlag sofort eine Mail geschrieben: „In Deutschland veröffentlicht zu werden freut mich aus vielen Gründen ganz besonders. Nirgendwo sind meine Bücher erfolgreicher, schon dreimal wurde ich mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, und bei insgesamt drei anregenden Lesereisen bin ich auf ein enthusiastisches und bestens informiertes Publikum gestoßen.“

          Trotz alledem fristet Garry Disher bei uns ein Dasein in der zweiten, wenn nicht dritten Krimireihe – hinter zahllosen Nichtskönnern, Blendern und Langweilern. Zwar werden seine Roman-Serien um Inspector Challis und den Berufskriminellen Wyatt unter Connaisseurs beklatscht. Doch das große Publikum muss diesen Ausnahmeautor erst noch für sich entdecken. Das kann nicht schnell genug geschehen.

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