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Krimi von Mercedes Rosende : Unorthodoxe Ursula

Die Schriftstellerin und Juristin, Mercedes Rosende aus Uruguay während eines Interview im Frankfurter Hotel Orange. Bild: Helmut Fricke

In „Falsche Ursula“, dem neuen Kriminalroman von Mercedes Rosende, begeistert die übergewichtige Heldin alle, die Spaß am Sarkasmus haben.

          2 Min.

          Geht’s noch unausstehlicher, zickiger, skrupelloser? Schwerlich. Und es geht auch kaum lustiger, jedenfalls für alle, die Spaß an federleichtem Sarkasmus haben. Mercedes Rosende, 1958 in Montevideo in Uruguay geboren, Anwältin und Schriftstellerin, hat ihren Spannungsbogen perfekt raus. Nach den preisgekrönten „Krokodilstränen“ ist soeben auf Deutsch ihr Kriminalroman „Falsche Ursula“ erschienen. Und Rosende denkt nicht daran, die grässlichen misanthropischen – von misogyn nicht zu reden – An- und Einsichten ihrer Ursula López zurechtzurücken.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Diese hat, von Beruf Übersetzerin, noch mehr sensible Facetten, zum Beispiel das voyeuristische Belauern anderer Leute beim Sex. Ihre aufgestauten Frustrationen tobt sie aus als Statistin in der lästerlichen TV-Show „Und, zu Hause heute alles klar?“ in der Rolle als aus dem Publikum gegen alle Erotik zeternde Hausfrau. Sie quält gern mal eine kleine Friseurin bis zu Tränen; immerhin verfügt sie über perfide Eloquenz. Obendrein ist sie geschlagen mit ihrer schlanken, attraktiven jüngeren Schwester Luz, die mit dem vermögenden Gatten in Montevideos Nobelviertel Carrasco auf einem prächtigen Anwesen lebt.

          Das alles macht Ursula nicht netter, im Gegenteil. Wobei sie, das sei fairerweise gesagt, ihrerseits seit der Kindheit von Vorurteilen und Marginalisierung geplagt ist. Denn sie ist viel zu fett. Der aussichtslose Kampf gegen das Übergewicht wird manifest in einer Gemüsesuppen-Diät, deren Gestank in der Wohnung selbst die Leserin zu riechen meint; dabei hat Ursula einen sehr feinen Geruchssinn. Eine Protagonistin also, die in einer ganz eigenen Liga spielt.

          Mercedes Rosende: „Falsche Ursula“. Kriminalroman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2020. 208 S., br., 18.– €.
          Mercedes Rosende: „Falsche Ursula“. Kriminalroman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2020. 208 S., br., 18.– €. : Bild: Unionsverlag

          Rosende schreibt ihre „Falsche Ursula“, bis auf ein einziges kurzes Kapitel, in der Ich-Form. Es beginnt, zunächst scheinbar ohne Ursula, das absurde Theater um die Entführung des Geschäftsmanns Santiago Losada, den ein kleiner Ganove, als Polizist verkleidet, auf dem Weg zum Flughafen in seinem Mercedes abfängt und später einsperrt. Weil es natürlich um Lösegeld geht, ist Losadas Gattin die Ansprechpartnerin. Doch er lebt getrennt von ihr, kann oder will nicht ihre Telefonnummer nennen, nur den Namen – Ursula López. Es gehört zur abgründigen Ironie des Romans, wo jetzt das Telefon klingelt: Unerwartet abgelenkt von ihrer Dauermalaise, lässt sich die „falsche“ Ursula auf ein Treffen mit dem fremden Anrufer ein, der gesagt hat: „Wir haben Ihren Ehemann.“

          Sie, deren kriminelle Energie nicht gering ist, nimmt die Herausforderung der Rolle als getrennte Ehefrau an. Während sich die Geschichte haarsträubend und wahnsinnig komisch entwickelt, bleibt Rosende hart an der Seite ihrer Heldin, die im Alltag eine veritable Krawallschachtel ist – ständig gesteuert von ihrer Essgier, entsprechend daueraggressiv, verlogen selbst ihrer Psychotherapeutin gegenüber und überhaupt wahrscheinlich längst mit der einen oder anderen familiären Leiche im Keller ihrer dunklen Seele.

          Dennoch – irgendwann sind wir von Mercedes Rosendes wunderbarer Erzählkunst, die auch in der deutschen Übersetzung von Peter Kultzen funktioniert, so verführt, dass wir mit Ursula gehen; dass wir Ursula gar den Erfolg bei ihrem Zusammenspiel mit den anderen Losern in dieser Stadt Montevideo wünschen. Die unerwartete Wendung, zu der es schließlich kommt, darf nicht verraten werden. Aber am Ende wittert die unorthodoxe Ursula „Bergamotteduft, ein wenig Kardamom ist auch dabei“: „Ich stehe auf und gehe hinter ihr her.“ Wir hoffen unbedingt auf mehr von dieser neuen Fährte.

          Mercedes Rosende: „Falsche Ursula“. Kriminalroman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2020. 208 S., br., 18.– €.

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