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True-Crime-Buch „Falschaussage“ : Das unbezwingbare Monster

Beweismittel: Zwei Polizistinnen zeigen Schuhe und Handschuhe, die 2011 bei der Durchsuchung der Wohnung des Serientäters sichergestellt wurden. Bild: Denver Post/Getty

Wem vertrauen, wenn es um sexuelle Gewalt geht? T. Christian Miller und Ken Armstrong rekonstruieren in einem außergewöhnlichen Buch die Verbrechen eines Serienvergewaltigers.

          „Normalerweise waren Vergewaltigungen keine Krimis. Sie passierten einfach.“ So steht es ziemlich am Anfang dieses außergewöhnlichen Buches, das im Genre „True Crime“ in der obersten Liga spielt. Denn die Geschichte, die hier verhandelt wird, ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich grausam und unübersichtlich, und sie handelt von einer Grauzone, in der Ressentiment und Hass regieren. „Ich bin vergewaltigt worden“ – dieser Satz besitzt maximale Sprengkraft. Er führt ins Zentrum der Wahrheitssuche; und dort regieren zumeist Gleichgültigkeit und Vorurteile. Freilich, auf einen solchen Täter wäre vermutlich kein Polizeiapparat der Welt vorbereitet gewesen, die in zwei Kleinstädten der Großräume Seattle und Denver waren es jedenfalls nicht.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der Mann bereitet sich akribisch und über Monate hin auf jeden einzelnen Überfall vor, späht die Opfer aus, bereitet den Zugang zur Wohnung vor, kundschaftet den Inhalt der Schränke aus. Mitten in der Nacht wachen alle Opfer auf, weil ein Mann auf ihnen sitzt, der sie unter Androhung von Waffengewalt zwingt, die Hauptrolle in seinem aufwendig inszenierten Vergewaltigungstheater zu übernehmen. Er vergeht sich über Stunden an den Frauen, fotografiert sie, droht, die Bilder ins Internet zu stellen, und gibt am Ende Anweisungen zur Körperpflege.

          Das Monster sei in ihm gewachsen

          Während die Frauen duschen, verschwindet der Vergewaltiger mit der Bettwäsche. Eine besondere Vorliebe für einen bestimmten Typ legt er nicht an den Tag, auch beim Alter ist er nicht wählerisch, zwischen achtzehn und fünfundsechzig Jahre alt sind die Frauen zum Tatzeitpunkt zwischen 2008 und 2011. Dreimal schlägt der ehemalige Soldat im Bundesstaat Washington zu, zweimal in Colorado. Der Täter weiß, dass die Armee eine DNA-Probe von ihm hat, weswegen er penibel Spuren vermeidet.

          T. Christian Miller und Ken Armstrong: „Falschaussage“. Eine wahre Geschichte. Aus dem Englischen von Henning Dedekind, btb Verlag, München 2019. 352 S., br., 12,- Euro.

          Dass der Fall geklärt wird, verdankt sich dem Einsatz zweier beherzter Polizistinnen, Stacy Galbraith und Edna Hendershot. Sie denken analytisch genug, um über den Teller- und Countyrand hinaus zu blicken, sie suchen nach Mustern und finden sie schließlich. Denn zunächst übersieht die Polizeibehörde in der am Puget Sound gelegenen Stadt Lynnwood nicht nur bei den Ermittlungen deutliche Hinweise leichtfertig, sondern sie agiert auch noch unselig – nämlich grob. Das erste und jüngste Opfer – die Öffentlichkeit wird es später mit seinem Mittelnamen Marie kennenlernen – bringt eine Vergewaltigung zur Anzeige.

          Aber die als Kind missbrauchte und anschließend von Pflegefamilie zu Pflegefamilie weitergereichte junge Frau verheddert sich unter dem Druck der Befragung immer weiter, bis sie angibt, die Vergewaltigung geträumt beziehungsweise erfunden zu haben. Man verklagt sie wegen Falschaussage. Rehabilitiert wird sie knapp drei Jahre später, als man nach der Festnahme des Täters Fotos findet, die Maries Vergewaltigung dokumentieren.

          Das Monster, das nach Angaben des Täters von ihm Besitz genommen hat, kommt nicht zu Wort. Aber er selbst, der auf den bürgerlichen Namen Marc O’Leary hört, schon. Das Monster sei in ihm gewachsen, seit er fünf Jahre alt war – und bis er es nicht mehr kontrollieren konnte. Die erste Vergewaltigungsphantasie hat er bei „Star Wars“, in der Szene, in der man Jabba the Hutt die spärlich bekleidete Prinzessin Leia als Sexsklavin ausliefert. Intelligent und planvoll, aber doch dumm genug, um Verschwörungstheorien aufzusitzen, baut sich O’Leary eine Parallelwelt, schraubt an einem Porno-Universum, mit dem er im Internet Geld verdient. Seine Familie hat keine Ahnung, wes Geistes Kind er ist. Beziehungen zu Frauen scheitern regelmäßig.

          Ein Muster an Fleiß, Dezenz und Genauigkeit

          Die Journalisten T. Christian Miller und Ken Armstrong arbeiten zunächst voneinander unabhängig an der Recherche, tun sich aber dann zusammen. Eine gute Entscheidung, weil sie sich ergänzen. Miller arbeitet für ProPublica, eine Non-Profit-Organisation, die investigativen Journalismus pflegt; Armstrong arbeitet für das ebenfalls gemeinnützige The Marshall Project, eine Organisation, die sich journalistisch mit Fragen der Strafjustiz in den Vereinigten Staaten auseinandersetzt. Ende 2015 erscheint ihr gemeinsam verfasster, mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Artikel „An Unbelievable Story of Rape“, aus dem später das nun auch auf Deutsch vorliegende Buch wurde. Es ist ein Muster an Fleiß, Dezenz und Genauigkeit.

          Die Autoren haben mit einer Ausnahme – einer der unrühmlich agierenden Polizisten wollte Geld für ein Interview – mit allen Betroffenen gesprochen, mit deren Angehörigen, Freunden, Kollegen, mit Polizistinnen, Forensikern, Datenanalytikern. Und sie belassen es nicht nur bei der Rekonstruktion des Falls, sondern wenden ihn am Ende ins Grundsätzliche. Bei einem komprimierten Durchgang durch die Rechtsgeschichte der angelsächsischen Welt zeigen sie, wie man mit dem Thema Vergewaltigung umgegangen ist – und bis heute umgeht. Das ist instruktiv und niederschmetternd zugleich.

          Im Dezember 2011 wird Marc O’Leary, damals dreiunddreißig Jahre alt, von einem Gericht in Colorado zur Höchststrafe verurteilt – dreihundertsiebenundzwanzig Jahre, sechs Monate. Seine Festplatte, auf der die Ermittler noch schlimmere Taten vermuten, ist bis heute nicht geknackt. Netflix hat angekündigt, eine Serie mit dem Titel „Unbelievable“ zu drehen. „Unglaublich“ ist ein zu schwaches Wort für den Abgrund, in den dieses Buch blicken lässt.

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