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Thomas Mullens Krimi „Darktown“ : Ein Stück bittere Wahrheit

Die erste Einheit farbiger Polizisten stellte das Atlanta Police Department im Jahr 1948 ein. Bild: Picture-Alliance

Herz der Südstaatenfinsternis: In Thomas Mullens „Darktown“ kämpfen die ersten farbigen Polizisten Atlantas gegen Unmenschliches und allzu Unmenschliches.

          Ein Roman, der Ende der vierziger Jahre in Georgia spielt und lückenlos um Rassenprobleme kreist, braucht einen versierten Autor. Groß ist hier nämlich die Gefahr, aus einem literarischen Text ein Gesinnungstraktat zu machen, das den Leser nicht bloß unterhalten, sondern verbessern und erziehen will. Handelt es sich bei dem Roman um einen Krimi, potenziert sich dieses Risiko um ein Vielfaches. Denn das Genre widmet sich Verbrechen und deren Aufklärung, was manchen Autor schon dazu verführt hat, am Ende die Moral von der Geschicht’ auszubreiten. Und die ist fast immer eine Sache der Realität, nicht der erzählten Welt.

          Thomas Mullen zeigt sich bestens informiert über die historische Wirklichkeit, ohne die sein Roman „Darktown“ gar nicht funktionieren würde. Auf jeder Seite ist sie der Strukturgeber des Plots. Dabei verkommt sie nie zu bloßem Unterrichtsstoff, der den künstlerischen Gehalt des Buchs erstickt. Der Autor ist sich des schwierigen Verhältnisses von Dichtung und Realität durchaus bewusst, was eine Passage illustriert, in der sich zwei Figuren über Raymond Chandler und Dashiell Hammett unterhalten: „Brillante Leute. Sie schreiben über Detektive und Polizisten, vielleicht findest du da ein Stück Wahrheit. Ihre Helden sind gute Männer, die erkennen, dass ihr Umfeld viel finsterer ist, als ihnen bewusst war.“

          Eine literarische Figur lobt also echte Autoren und andere literarische Figuren. Das erwähnte „Stück Wahrheit“ ist dabei weit mehr als einfach nur ein Haufen von aus Lexika zusammengetragenen Fakten.

          Beklemmende Lektüre: Thomas Mullens Krimi „Darktown“.

          „Darktown“ spielt im Atlanta des Jahres 1948. Der Busboykott von Montgomery, Sammelklagen gegen die Rassentrennung an öffentlichen Schulen, die ganze Bürgerrechtsbewegung – alles Zukunftsmusik. Gleichwohl stellt die Stadt die erste Einheit farbiger Polizisten zusammen. Von den Kollegen werden sie wie Aussätzige behandelt, von der schwarzen Bevölkerung mit Misstrauen beäugt. Als eine junge Afroamerikanerin Opfer eines Gewaltverbrechens wird, findet die Polizei schnell einen Sündenbock und legt den Fall zu den Akten: „Weißen Detectives war eine farbige Tote egal, vor allem wenn sie auf einer Müllhalde lag.“ Lucius Boggs und Tommy Smith, zwei Beamte der neuen Einheit, gehen der Sache indes nach und sind entschlossen, den Mörder zu fassen.

          Eine Mission, die hoffnungslos erscheint. Mullen hat nämlich ein Buch über begrenzte Möglichkeiten geschrieben. Die schwarzen Beamten dürfen weiße Verdächtige nicht festnehmen, ihnen stehen keine Streifenwagen zur Verfügung, es ist ihnen untersagt, Nachforschungen anzustellen oder die Polizeizentrale durch den Haupteingang zu betreten. Jene aus vielen Krimis hinlänglich bekannte Ermittlungsroutine, bei der Figuren erst befragt und dann auf ihr Täterpotential hin abgeklopft werden, ist in „Darktown“ ein einziger Spießrutenlauf. Sobald Boggs und Smith recherchieren, setzen sie sich der Gefahr aus, dass man sie erwischt und entlässt. Ihr mangelnder Bewegungsspielraum, der Umstand, dass sie permanent überwacht werden, und die durchweg klaustrophobische Stimmung machen die Lektüre zu einer beklemmenden Erfahrung.

          Sogar handfeste Übel gehen nicht zuerst von korrupten Behörden, den Gestalten des Rotlichtmilieus oder Alkoholschmugglern aus, sondern von annähernd jeder weißen Figur. Und das heißt vor allem: von Polizisten. Die Guten, die das Gesetz vertreten, sind hier zugleich die Bösen, die das Gesetz brechen. Sehen sie einen Schwarzen, imitieren sie Affenlaute oder schlagen ihn zusammen; untereinander schließen sie Wetten darüber ab, welchen farbigen Kollegen sie zuerst töten werden. Thomas Mullen führt den Leser ins Herz der Südstaatenfinsternis, dorthin, wo Unmenschliches und allzu Unmenschliches einen fruchtbaren Nährboden finden.

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