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Maria Adolfssons „Tiefer Fall“ : Das Land, das es nicht gibt

Wo einst das Doggerland war, fließt nun die Nordsee. Bild: Picture-Alliance

Seit Jahrtausenden ist die Doggerbank von der Nordsee verschlungen. Eine schwedische Krimi-Autorin fragt: Was, wenn es das Doggerland noch gäbe?

          2 Min.

          Eine Inselgruppe in der Nordsee, Regen, Landstraßen, Fischerkneipen und eine Gesellschaft von Alteingesessenen, in der seit Jahrzehnten nichts ohne Mitwisser geblieben ist: Spätestens nach dem zweiten Band der Romane von Maria Adolfsson um Kriminalinspektorin Karen Eiken Hornby ist man vertraut mit ihrer Welt, mit den Gerüchen und Geräuschen, mit den Wegen zwischen den Siedlungen und Städten der Inseln und mit den gegenseitigen Vorurteilen zwischen den Bewohnern der Hauptinsel und denen, die ganz im Norden oder im Süden wohnen, getrennt jeweils durch einen über Fährverkehr zu bewältigenden Sund.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Nur dass diese Vertrautheit auf einer Illusion beruht – nicht allein auf der üblichen literarischen Ausformung einer Welt, sondern auch auf einer handfesten topographischen Täuschung. Denn jene Inselgruppe, die Maria Adolfsson so liebevoll ausmalt, deren Sprach- und Kulturgeschichte sie ebenso skizziert wie die wirtschaftlichen Verflechtungen mit den Anrainern jenseits der See, dieses „Doggerland“ zwischen Dänemark, England und den Niederlanden also existiert nur als „Doggerbank“, als Erhebung unter dem Meeresspiegel der Nordsee. Adolfssons Prämisse aber resultiert aus der Frage: Was, wenn das reale Doggerland vor achttausend Jahren eben nicht gänzlich im steigenden Ozean untergegangen wäre?

          Ende 2018 erschien mit „Fehltritt“ der erste Teil der Krimi-Serie. Karen Eiken Hornby ermittelt in einem Mordfall um eine Bekannte, zugleich gabelt sie den Obdachlosen Leo auf, einen ehemaligen Rockmusiker, und auch die Tochter der Toten nistet sich im Verlauf der Ermittlungen bei ihr ein. Kennzeichnend für den Fall ist die biographische Nähe aller zu allen, und dass Hornby ihr großes Geheimnis wahren kann – während sie in England lebte, kamen ihr Mann und ihr kleiner Sohn bei einem von ihr mitverschuldeten Autounfall ums Leben –, ist ein mittleres Wunder.

          Maria Adolfsson: „Doggerland: Tiefer Fall“. Kriminalroman. Aus dem Schwedischen von Stefanie Werner. List Verlag, Berlin 2020.
416 S., br., 15,– €.

          „Tiefer Fall“ setzt ein knappes halbes Jahr später ein, Hornby trägt noch ein bisschen an den Wunden, die ihr beim letzten Mal zugefügt worden waren, da wird auf Noorö, der nördlichsten Insel von Doggerland, ein emeritierter Hochschullehrer ermordet.

          Furioses Finale

          Die Spuren weisen auf eine alte Fabrikantenfamilie im Niedergang, und wie sich da nach und nach ein Netzwerk von gegenseitigen Abhängigkeiten, Aversionen und geradezu toxischen Loyalitäten offenbart, beeindruckt die Ermittlerin ebenso, wie es sie vor die Herausforderung stellt, in Windeseile ein eigenes Netzwerk zu entwickeln oder neu zu aktivieren, wobei ihre lange vernachlässigte Verwandtschaft auf Noorö eine wesentliche Rolle spielt, besonders im furiosen Finale.

          Unprätentiös, aber nachdrücklich spielt Adolfsson auch in den Nebenhandlungen durch, was es bedeutet, wenn eine Ehe vom Verzicht des einen Partners zugunsten der Bedürfnisse des anderen nach sozialer Geltung bestimmt ist, und was ein solches Missverhältnis jeweils für die Gemeinschaft bedeutet. Die Spanne reicht von brutal ausgeübter häuslicher Gewalt bis zu den Diskussionen um die Frage, wie ernst es jemand mit der Vaterzeit eigentlich meint. Karen Hornby erlebt all das mit, registriert, greift auch ein. Und steht am Ende vor der Frage, wie sie es zehn Jahre nach dem traumatischen Verlust von Mann und Kind selbst mit einer Partnerschaft hält.

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