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Krimi von Heinrich Steinfest : Tödliche Berührung

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Das Beaumont Hotel in London Bild: Beaumont Press

Die Kunst des genauen Blicks: Heinrich Steinfest schickt seinen einarmigen Ermittler Markus Cheng auf eine Jetset-Recherche, um einen ungewöhnlichen Mord aufzuklären.

          Unter Verteidigern der Hochkultur ist es nicht unüblich, Genre-Produkte von Format mit einem vergifteten Lob zu bedenken. Der gelungene Krimi, heißt es dann etwa, sei eigentlich gar kein Krimi, sondern eine Milieustudie oder ein Gesellschaftsporträt. Wer auf diese Art rühmt, wähnt sich intellektuell auf der sicheren Seite und meint, ästhetische Urteilskraft zu beweisen. Heinrich Steinfest, Jahrgang 1961, ist ein idealer Adressat derartiger Würdigungen. In den Büchern seiner Markus-Cheng-Reihe knetet er die Genre-Konventionen so beflissen durch, dass am Ende höchst eigenwillige Krimimutationen herauskommen. Gleichwohl liegt ihm weniger an Koketterie als vielmehr an einem poetischen Verfahren, das die Stärken von Ermittlungsgeschichten erst richtig zur Geltung bringt.

          Steinfest kultiviert nämlich die exakte Beobachtung, und wo wäre sie besser am Platz als in einem Krimi? Dass er diese Tugend vor allem an Lappalien exerziert, die mit der eigentlichen Handlung wenig zu tun haben und ständig auf Abwege führen, darf der Leser als Einladung zur Kontemplation verstehen. Sprachschmuck der Wahl: extravagante Vergleiche und skurrile Bilder.

          In „Der schlaflose Cheng“, dem fünften Band um den einarmigen Ermittler, der ungeachtet seines Namens ein ganz und gar österreichisches Flair verströmt, stellt Steinfest seine rhetorische Feinmechanik abermals unter Beweis: „Die Stimme des Mannes war so markant wie dunkel, dunkel in der Art der Dinge, die einen Übergang bilden. Also nicht die Nacht, sondern die Dämmerung. Nicht das Verbrannte, sondern das Knusprige.“

          Der Autor Heinrich Steinfest

          Der Mann mit dem krossen Timbre heißt Peter Polnitz, er arbeitet als Synchronsprecher und sitzt im Gefängnis. Ihm wird zur Last gelegt, den Schauspieler Andrew Wake ermordet zu haben, dem er im Deutschen seine Stimme leiht. Tatort ist das Londoner Beaumont Hotel, genauer: jene von dem „Kunstsuperstar“ Antony Gormley an die Fassade des Gebäudes gefügte Konstruktion namens „Room“. Dabei handelt es sich um eine Figur aus Blöcken und rechten Winkeln, die eine Luxussuite umschließt, deren höhlenartiges Schlafzimmer anmutet, als habe ein Bildhauer dort die Düsternis selbst modelliert.

          Der Mord ist ohne Sudelei über die Bühne gegangen, denn Wake wurde nicht auf prosaische Weise hingerichtet (Messer, Pistole, Keule), sondern fast artistisch aus dem Leben bugsiert: Dim Mak – die Kunst der tödlichen Berührung. Diese chinesische Technik basiert, wie auch die Akupunktur, auf dem Prinzip der Stimulation menschlicher Vitalpunkte. Peter Polnitz, ausgewiesener Dim-Mak-Spezialist, ist mit Andrew Wake kurz vor dessen Tod noch im „Room“ gewesen. Polnitz’ Tochter glaubt dennoch an die Unschuld ihres Vaters und wendet sich an Cheng, der sich prompt in eine regelrechte Jetset-Recherche stürzt – Wien, Frankfurt, London, Island. Erkenntnisse: Das Böse siegt immer, der Fall ist sagenhaft kompliziert, und durch die Augen der Hauptfigur sieht die Welt weniger stereotyp aus als angenommen.

          Apropos stereotyp: An Cheng perlen Klischees einfach ab. Er ist allein, aber kein einsamer Wolf, er träumt von Liebesszenen, pflegt jedoch keine Affären, er verhält sich schrullig, ohne deswegen gleich in provinzieller Possierlichkeit aufzugehen. Die Details seiner äußeren Erscheinung (einarmiger Bartträger chinesischer Herkunft) ergeben ein Bild, das von Manet stammen könnte – „ein Manet, der schon mal einen Fritz-Lang-Film gesehen hatte“.

          Heinrich Steinfest: Der schlaflose Cheng. Sein neuer Fall.

          Sein detektivisches Vorgehen ist im Grunde keines, weil für ihn die Kraft in der Passivität liegt. Es reicht, davon ist er überzeugt, herumzuirren und darauf zu warten, „dass die Dinge ihn fanden, nicht umgekehrt“. Eigentlich unterscheidet sich Cheng nicht besonders von seinem Schöpfer: „Anstatt geregelte Wege zu beschreiten, folgte er gerne merkwürdigen Zeichen.“ Steinfests Vorliebe für solche merkwürdigen Zeichen war der Jury des Deutschen Krimipreises bislang zweimal den zweiten und zweimal den dritten Platz wert.

          „Der schlaflose Cheng“ ist getragen von einer schwelenden Melancholie, denn der Protagonist merkt, dass ihm jede Vitalität abhandenkommt. Und wieder formuliert Steinfest knapp an der gebräuchlichen Wendung vorbei: Cheng erkennt nicht das Ende seines Lebenswegs, sondern „das Ende der Straße, auf welcher er sich bewegte“. Es hätte nichts genutzt, „auf ein und derselben Stelle herumzuzappeln oder mittels rückwärtigem Salto zu versuchen, hinter die eigene Position zu gelangen und ein paar Zentimeter zu schinden“. Sind solche Passagen der Beleg für G. K. Chestertons von Cheng zitierte These, die Detektivgeschichte sei die einzige Form volkstümlicher Literatur, in der sich ein „gewisser Sinn für den poetischen Gehalt des modernen Lebens ausdrückt“?

          Ein Aspekt moderner Existenz ist der Mangel. Cheng fehlen ein Arm und sein verstorbener Hund Lauscher. Er befasst sich mit Mary Shelleys Figur Frankenstein, dessen Monster namenlos bleibt. Peter Polnitz wiederum hat einen bekannten Namen, wäre ohne seine Stimme jedoch ein Niemand. Als Therapeutikum gegen diese entsetzlichen Lücken taugt die phantastische Literatur von Jules Verne bis H. P. Lovecraft. Sie ist, das legt der Erzähler in einem philologischen Schnellkurs nahe, Imaginationsreservoir und Wahrnehmungsanspitzer. Heinrich Steinfest definiert die Regeln des Krimis nicht neu, aber er stupst sie um und verpasst ihnen einen eleganten Schliff. So ist „Der schlaflose Cheng“ ein Genre-Roman nach allen Regeln der Kunst.

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