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Roman von Christoph Peters : Wo der Tod kein Schrecken ist

Überwuchert von Mythen, verklärt zur Superwaffe schlechthin: Samurai-Schwerter werden in Japan wie Heiligtümer verehrt. In Christoph Peters’ Roman kommen sie mehrmals zum Einsatz. Bild: Getty

Samurai, einst und jetzt: Christoph Peters schickt in „Das Jahr der Katze“ einen japanischen Killer und seine deutsche Freundin in eine Verfolgungsjagd mit landeskundlichem Überbau.

          Mütter mögen es nicht, wenn ihre Kinder Schmerzen haben. Dabei ist es viel schlimmer, wenn sie ohne Schmerz groß werden.“ Ob diese Haltung – sagen wir – auf deutschen Spielplätzen gut ankäme? Vertreten tut diese Auffassung ein Meister der Kampfkunst, der im neuen Roman des vom Niederrhein gebürtigen, in Berlin lebenden Schriftstellers Christoph Peters auftritt. Peters ist Japan schon seit vielen Jahren verfallen. Er beschäftigt sich intensiv mit Kultur, Religion und Tradition des Landes, sammelt Teeschalen, ist geübt in der Teezeremonie und kann auf Zuruf Proseminare über Shintoismus halten.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Erste literarische Spuren dieser Leidenschaft gab es in dem Roman „Mitsukos Restaurant“ (2009). Die Figur des Fumio Onishi tauchte das erste Mal 2010 in einer Erzählung auf, bevor ihm Peters vor drei Jahren in „Der Arm des Kraken“ eine Hauptrolle gab, in seinem ersten Thriller, den er nach eigenen Angaben schrieb, weil er am Prenzlauer Berg mal ein (fiktives) Blutbad anrichten wollte. Nun hat er den Auftragskiller zurück nach Japan geholt, das Pflaster in Berlin wurde zu heiß für ihn, nachdem er ein Massaker unter Mitgliedern der vietnamesischen Mafia angerichtet hatte. Im Schlepptau seine deutsche Freundin Nikola, eine Fitnesstrainerin, die er von einem Landsmann übernommen hat, der den Krieg mit den Vietnamesen nicht überlebt hatte.

          Onishi wiederum hat es bei seinem Auftrag, an der Konkurrenz Rache zu nehmen, wohl übertrieben, zumal er nach eigenem Ermessen handelte. Nun will ihm sein Yakuza-Boss Takeda ans Leder. Der ständig betrunkene, dadurch unberechenbar cholerisch agierende Takeda schickt seine Häscher aus, um Fumio Onishi und sein deutsches Gspusi – ja was: zu ermorden, gefangen zu nehmen? Das gesuchte Paar kann sich eine ganze Weile der Verfolgung entziehen, zunächst in der Wohnung eines Deutschen mit dem sprechenden Namen Friedemann – bis die Yakuza alle Räume kniehoch mit Fischabfällen fluten. Das ist eine ganz starke Szene in einem Roman, der sich mit Wonne auf die Muster des Yakuza-Films wirft.

          Die Geschichte wird wechselnd aus zwei Perspektiven erzählt: Einmal schildert ein allwissender Erzähler die Abenteuer von Onishi und Nikola, die zweite Stimme gehört Meister Harada, dem Lehrer Onishis, der monologisierend aus der Ich-Perspektive erzählt. Der erste Erzählstrang treibt die Handlung voran und bedient sich dabei auch der Reibungsverluste, die der Kulturschock erzeugt: Nikola stapft durch den Roman wie eine etwas ratlose Touristin und dient so als Transmissionsriemen für allfällige Fragen, die sich einem Westler aufdrängen, wenn er die Gesellschaft Japans verstehen will.

          Geht das überhaupt, kann man ein Japan-Versteher werden? Nikola gibt jedenfalls brav die selbstbewusste und gleichzeitig verunsicherte Nervensäge und irritiert durch ihr Anspruchsdenken die verschlossenen Japaner. Das macht die Figur ein wenig schematisch, zumal ihre Motivlage, warum sie es sich antut, ständig in Lebensgefahr zu schweben, einer ernsthaften Prüfung nicht standhielte – man muss es wohl unter „Liebe eines Verbrecherpärchens“ verbuchen.

          Die interessantere Hälfte des Buches machen zweifellos die Passagen Meister Haradas aus, der nicht nur die kriegerischen Tugenden des alten Japans verkörpert, sondern auch ganz neumodisch plötzlich Gefühle für seinen jüngsten Sohn entwickelt, wo ihn doch früher die Schicksale seiner Kinder nicht im mindesten bekümmert haben. Nobu soll, wenn es nach den Vorstellungen seiner Mutter geht, dereinst „ein großes deutsches Auto fahren“ und sich eine teure Wohnung in einer besseren Gegend leisten können. „So hat jeder seine Vorstellungen von der Zukunft“, denkt der Meister seufzend und gestattet dem Achtjährigen erste Einblicke in seine Welt. In der hat Versenkung nichts damit zu tun, auf ein Smartphone zu starren, in der gibt es keine Bevorzugung des Lebens gegenüber dem Tod – weswegen die Möglichkeit, sein Leben zu verlieren, keinen Schrecken verbreitet.

          Nekodoshi-gumi, Zazen, Katana, Wakizashi: Wo Samurai draufsteht, sind auch Schwerter im Spiel. Und ist es nicht etwas ganz anderes, einen Eindringling zu enthaupten, als ihn schnöde mit einer Schusswaffe niederzustrecken? Ein pädagogischer Impetus ist bei Peters stets spürbar, es soll japankundige Leserinnen geben, die das nervt, aber Otto Normalleser wird einen Satz wie „Viele sagen, die Bizen-Klingen der Kamkura-Zeit seien die besten“ wohl durchwinken.

          Bis zum messerscharfen Schluss baut Peters einen Spannungsbogen, der sich trotz gelegentlicher Action-Szenen überwiegend aus Fragen der Geisteshaltung nährt. Das macht das Buch zu einer Ausnahme: Es zwingt unmerklich dazu, festgefahrene Vorstellungen zu überprüfen. Bis hin zur Frage, wie weit das Faszinosum Japan als Vorbild taugt. Folgte man den Maximen Meister Haradas, würde man die Frage bejahen können: „Letztlich ist der Mensch vorhersehbar wie ein dressierter Affe, solange er nach etwas verlangt oder das festhalten will, was er hat – ganz gleich, um was es sich handelt. Erst wenn er ohne jede Absicht handelt, wird er frei.“

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