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Neuer Krimi von Jim Nisbet : Hauptsache, Blut fließt

  • -Aktualisiert am

In den Straßen von San Francisco treffen bei Jim Nisbet Modernität und Altertümlichkeit aufeinander. Bild: AP

Gefangen im Dotcom-Universum: In Jim Nisbets neuem Krimi „Welt ohne Skrupel“ hadert ein ranziger Noir-Loser mit der Digitalisierung.

          Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein alleinstehender Noir-Held, der überhaupt kein Vermögen besitzt, einer Frau bedarf. In diesem Fall: einer Femme fatale, die mit den Dollarscheinen gleichsam unter seiner Nase herumwedelt. Aber eins nach dem anderen. Zusammen mit einem Freund beklaut Klinger (Vorname unbekannt) einen App-Entwickler in den Straßen von San Francisco. Alles, was schiefgehen kann, geht schief. Der Freund stirbt, der Programmierer landet schwer verletzt im Krankenhaus, sein Smartphone in Klingers Besitz. Daraufhin taucht eine Frau namens Marci auf, die es auf die Daten des gesperrten Telefons abgesehen hat. Sollte Klinger an das Passwort herankommen, so ihr Versprechen, wird sie ihn mit einer erklecklichen Summe belohnen. Diese Konstellation liefert den Treibstoff für den Plot von Jim Nisbets Roman „Welt ohne Skrupel“.

          Sein Reiz verdankt sich dem Umstand, dass Klinger ein heruntergekommener Krimineller ist, der seine Zeit in Absturzkneipen vertrödelt, während ihm Marci, steinreiche Profiteurin der New Economy, mit ihrer digitalen Welt auf den Leib rückt. Schon Hans Magnus Enzensberger entdeckte bei den Gangstern um Al Capone ein „konträres Moment“ – ihr „Herkommen aus einer exotischen, vorkapitalistischen, unassimilierten Vergangenheit“. Modernität und Altertümlichkeit fielen bei ihnen in eins, und „diese Zweideutigkeit, dieser Widerspruch ist der mythenträchtige Boden ihres Daseins gewesen. Mit dem Gangster erscheint im Gleichzeitigen Vorzeit, wandert ins Allerneueste das barbarisch Alte ein.“

          Jim Nisbet: „Welt ohne Skrupel“.

          Ähnlich verhält es sich bei Klinger, wobei er nicht in der Lage ist, souverän zwischen den Zeiten zu vermitteln, sitzt er doch im temporalen Nirwana fest: Er war „reif für alles, außer für die Zukunft. Oder die Vergangenheit. Oder, wie sich herausstellte, für die Gegenwart“. Entsprechend finster fällt seine Selbsteinschätzung aus: „Was für ein elender Mensch bin ich eigentlich?“, fragt er einmal, obwohl er die Antwort zu Beginn des Romans längst gegeben hat: „Unrasiert. Unsaubere Kleidung. Auf ganzer Linie ein Versager.“

          Klinger ist das vollendete Klischee des Noir-Losers, Marci ein auf die Genre-Spitze getriebener Übervamp. Und auch der Rest des Buchs gleicht einem Experimentierfeld. Hier eine Actionszene, dort eine viel zu lange Traumsequenz, hier Milieuschilderungen, dort seltsam aus dem Rahmen fallender Sprachflitter, bei dem für einen Moment der Lyriker Nisbet die Regie übernimmt: „Ihr durchscheinender schwarzer BH mutete an wie ein Ornamentmuster aus nicht zu entziffernden Arabesken auf dem elfenbeinfarbenen Astrolab ihres Oberkörpers.“

          Überhaupt die Körper. Immer wieder markieren sie die letzte Bastion gegen die virtuellen, nicht greifbaren Verheißungen des Dotcom-Universums. Präsenz auf der einen Seite, Repräsentation auf der anderen. Als Marci sagt, sie habe noch nie einen Orgasmus gehabt, erwidert Klinger: „Dafür gibt’s doch sicherlich ’ne App.“ Ist das witzig, kritisch oder altbacken? In den Bars, die er aufsucht, reden abgehalfterte Typen in ihren Drink hinein oder veranstalten Messerspiele, an deren Ende zuverlässig der Gang in die Notaufnahme steht. Solange Blut fließt und Knochen brechen, scheint dieser Roman zu sagen, brauchen wir uns um die Conditio humana nicht zu sorgen.

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