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Neuer Krimi von Alan Carter : Gerechtigkeit hat etwas mit Rache zu tun

  • -Aktualisiert am

An der tektonischen Bruchlinie: Alan Carters Figuren fürchten sich vor einem Beben, das die hier gezeigte Erschütterung von 2016 weit in den Schatten stellt. Bild: AP

Explosiv und unbarmherzig: In „Marlborough Man“ lässt Alan Carter einen strauchelnden Ermittler in Neuseeland durch ein Blutbad waten.

          Manchmal wird es fast absurd dröge. Nick Chester, nach Neuseeland ausgewanderter Brite, leistet in seiner neuen Heimat Polizeiarbeit am Eintönigkeitslimit. Während des Erdbebennotfallübungstags etwa überreicht er den eifrigsten Teilnehmern Anstecker, Zertifikate und Stofftiere. Im Umgang mit Brennholzdieben – zum Glück in ausreichender Zahl vorhanden – darf er den Freund-und-Helfer-Habitus immerhin kurz abstellen. Noch spannungsreicher ist es, jugendlichen Rasern Strafzettel auszustellen. Dabei lassen sich nämlich die vielen Hühner und Ziegen begutachten, die auf den Wiesen neben der Straße picken und wiederkäuen. Nicks Sohn Paulie ist ganz versessen auf die Tiere und möchte ein paar von ihnen halten. Nur welche? Vielleicht Saanenziegen und Orpingtonhühner. Am besten schnell zum Baumarkt, um das nötige Material für die Ställe zu besorgen.

          Alan Carters Thriller „Marlborough Man“ zwingt uns mit solchen trübtassigen Details nur deswegen nicht in die Knie, weil sie einen Sinn haben. Als literarisches Sedativum bilden sie ein Gegengewicht zur explosiven Unbarmherzigkeit, mit der auf knapp vierhundert Seiten Figur um Figur abgeschlachtet wird: ein zu Brei gehämmerter Kleinkrimineller, ein erhängter Ex-Polizist, ein per Axthieb gespaltener Schwerverbrecher sowie lauter gefolterte, vergewaltigte und ermordete Kinder – die Liste ließe sich ohne Schwierigkeiten verlängern.

          Dabei sollte das Tal, in dem Chester mit seiner Familie lebt, eigentlich ein Hortus conclusus der sicheren, friedlichen, rundum unbeschwerten Existenz sein. Es liegt in den Marlborough Sounds, einem landschaftlich überwältigenden Geflecht von Meeresarmen auf der Südinsel Neuseelands. Was zählt, schwelt allerdings unter der Oberfläche und darf als böses Omen verstanden werden: „Wir liegen direkt an einer tektonischen Bruchlinie, die statistisch gesehen reif ist für eine seismische Katastrophe.“

          Alan Carter: „Marlborough Man“

          Chesters Geschichte ist ein einziges Abstiegsdrama. In England war er als erfolgreicher Undercover-Polizist im Einsatz. Dann hat er den Gangsterboss Sammy Pritchard auffliegen lassen, der ihm anschließend einen Ehrenplatz auf der Abschussliste einräumte. Es folgten die Flucht nach Neuseeland und ein Leben in Habachtstellung: „Jetzt sitzen wir hier auf der anderen Seite der Erde in der Pampa und warten auf den Tod.“ Während die Familie zerfällt, erfährt Chester von seiner Frau, wo das Problem liegt: „Du bist vergiftet, Nick“, sagt sie und zeigt aus dem Fenster. „Du kannst nicht mal den Scheiß-Ausblick genießen.“ Recht hat sie, Chester ist aus der Gegenwart gefallen und erkennt den Wert des Moments nicht mehr. Der letzte Satz, der ihm über die Lippen käme, lautet: „Verweile doch, du bist so schön.“ Nur die als Unglück auf ihn zurasende Zukunft ist für ihn von Belang.

          Als dann auch noch mehrere Kinderleichen auftauchen, gerät die Welt des Protagonisten vollends aus den Fugen. Chester recherchiert, der Plot verdichtet sich, die Zahl der Verdächtigen steigt mit jeder Seite, und das soziale Geflecht, in dem die Figuren wie Spinnen auf Beute lauern, wird arg undurchsichtig. Vollkommen klar erscheint dagegen das handlungsbestimmende Motiv vieler Charaktere – Rache. Sie tritt als Ethos, welches eine verlorene Ordnung wiederherstellen soll, genauso zutage wie als Signum unzureichender Affektkontrolle. Über eine Kollegin von Chester heißt es einmal: „Sie versteht, dass Gerechtigkeit ohne einen leichten Beigeschmack von Rache keine Gerechtigkeit ist.“ Sammy Pritchard kann Rache und Recht gleich gar nicht auseinanderhalten, während Chester, der den Kinderfänger am liebsten umbringen würde, seinen barbarischen Impuls zu zügeln weiß.

          Diese Zurückhaltung macht Alan Carter auf sprachlicher Ebene wieder wett, verlässt er sich doch auf die Kraft markiger Sätze: „Es ist gefährlich, dich zu kennen, Nick Chester“, „Bevor er diese Welt verlassen durfte, war er unbeschreiblichen Qualen ausgesetzt“, „Ich wate durch ein Blutbad“. Sobald Carter die Psyche des Killers schildert, übernimmt der Pathosfan in ihm die Regie: „Dunkelheit anstelle von Licht, Tod anstatt Leben, Zerstörung über Schöpfung.“ Eine derart religiös eingefärbte Ausdrucksweise ist gleichwohl immer noch besser als eine um sich selbst kreisende Naturbeschreibung, in der Mücken surren und Motten im Lichtstrahl der Taschenlampe tanzen. Da wünscht man sich dann doch den Erdbebennotfallübungstag zurück.

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