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Krimi „Die jungen Bestien“ : Linker Terror, rechter Terror

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Sind die zwölf Skelette, die bei Bauarbeiten ausgegraben werden, wirklich die Überreste von Toten des Zweiten Weltkriegs? Commissario Vincenzo Arcadipane zweifelt. Bild: Getty

Ein Massengrab an der Bahnschnellstrecke Mailand–Turin führt in Davide Longos neuem Roman direkt in die bleiernen Jahre Italiens.

          3 Min.

          In Italien ende vieles im Lächerlichen, sagt einmal eine Figur in „Die jungen Bestien“. Ganz anders sei das als in Spanien, wo es einen Sinn für die Tragödie immer schon gegeben habe, für mit Fassung ertragenen Schmerz. Zumindest auf die Werke italienischer Krimiautoren angewandt, scheint dieser Befund nicht danebenzuliegen: Davide Longo gibt ebenso wie sein Landsmann Paolo Roversi mit offensichtlichem Vergnügen seine Figuren der Lächerlichkeit preis oder kehrt zumindest deren Unzulänglichkeiten mitleidlos hervor. Das Leiden an den eigenen Lastern, am Altern, am Sinn der Arbeit und des Daseins im Allgemeinen, die Krise der individuellen Männlichkeit machen sie zum Teil einer umfassenden gesellschaftlichen Symptomatik. Ein Überbleibsel der mittelalterlichen Burlesken von Dante und Boccaccio?

          Vincenzo Arcadipane, der Protagonist von Davide Longos neuem Roman „Die jungen Bestien“, ist jedenfalls genau so ein armes Würstchen. Ein im Grunde recht fähiger Kommissar in der Midlife-Crisis, der seine Weinkrämpfe mit Lakritzbonbons bekämpft, Potenzprobleme hat und sich, um stets jemanden in der Nähe zu wissen, der ein noch jämmerlicheres Bild abgibt als er selbst, einen dreibeinigen Köter zulegt. Arcadipane ist ein alter Bekannter, schon in „Der Fall Bramard“ ermittelte er an der Seite seines ehemaligen Vorgesetzten Corso Bramard. Bereits seit seinem 2013 erschienenen Debütroman „Der aufrechte Mann“ spielt Davide Longo, der in Turin an der Schreibschule Scuola Holden unterrichtet, mit Versatzstücken des Kriminalromans und lässt sich mit jedem neuen Buch mehr auf das Genre ein.

          So beginnt „Die jungen Bestien“ mit dem Fund eines Massengrabes: Zwölf Skelette liegen auf der Baustelle einer Bahntrasse zwischen Mailand und Turin und werden von den zuständigen Behörden ein wenig zu routiniert als Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg abgestempelt. Arcadipanes eigene Ermittlungen hingegen weisen auf die sogenannten bleiernen Jahre, die siebziger Jahre, als Italien im Zeichen des Terrors lebte. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, wie viele der Terroranschläge, die man damals linksextremen Gruppierungen wie der Brigate Rosse anhängte, tatsächlich von Neofaschisten und Geheimdiensten begangen wurden, um die Linke zu diskreditieren.

          Gefühl der Tränenschwere in den Geschichten

          Was die Ermittlungen im Buch zutage bringen werden, kann man sich also schon im Groben ausrechnen – die Frage ist das Wie. Davide Longo erstreckt seine Erzählung über mehrere Zeitebenen: Arcadipane ermittelt in der Jetztzeit, Bramard in den Siebzigern. Dieser zweite Teil beinhaltet die stärksten Passagen des Buches, da ist Longo ganz konzentriert auf die Arbeit des Schnüfflers, der als verdeckter Ermittler in einen Boxclub eintritt und sich dort erst einmal gehörig verdreschen lässt, bis man den Empathieschmerz heftig hinterm linken Auge pochen hört.

          Diese körperliche Intensität tut der Geschichte gut, ebenso wie die Angewohnheit des Schriftstellers, das reiche historische Wissen, über das er verfügt, auch bei seinen Lesern vorauszusetzen. Wer, wie vermutlich viele nachgeborene Leserinnen und Leser, dieses Wissen nicht hat, ist gut beraten, diesen Geschichten nachzuspüren – etwa jener Tragödie um den sechsjährigen Alfredo Rampi, der 1981 unter den Augen der Öffentlichkeit in einem Brunnen bei Vermicino starb. Sie schafft ein Gefühl für die Tränenschwere dieser Jahre, die der Roman allein über weite Strecken nicht vermitteln kann.

          Davide Longo: „Die jungen Bestien“. Bramard. Kriminalroman. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner und Friederike von Criegern. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020.416 S., geb., 22,– .

          Obwohl Longos Sprache gewitzt ist und so flott, dass es anfangs schwerfällt in Dialogpassagen den Überblick zu behalten. Immer wieder nutzt er seine sprachliche Gewandtheit, um etwa die Weltwahrnehmung seiner Protagonisten gegeneinander abzugleichen. Sie stehen nicht einfach nur vor einem Schrank, es ist ein Schrank aus Kirschholz für Bramard und aus rötlichem Holz für Arcadipane. Weil nun einmal niemand über die Grenzen seines eigenen Horizontes hinausblicken kann, tut es der Autor mit bisweilen herablassender Geste als Stellvertreter seiner Figuren – und verlegt dadurch den Fokus immer mehr auf das psychologische Drama.

          Und das handelt von Arcadipanes im Kern doch ziemlich mittelmäßigem Seelenschmerz, den er in Therapiesitzungen mit einer enigmatischen Therapeutin zu ergründen versucht. Dem piemontesischen Autor kann man natürlich nicht vorwerfen, dass die Lektüre seines 2018 im Original erschienen Romans „Così giocano le bestie giovani“ in diesen Tagen unweigerlich an die tatsächlichen Ausmaße der italienischen Tragödie denken lässt. Aber die reale politische Geschichte spielt eben mit hinein: Die desolate Situation in norditalienischen Krankenhäusern ist auch ein Resultat defizitärer Verwaltungsapparate und korrupter Politiker.

          Das alles sind Versäumnisse, die eine schärfere Kritik, einen politisch wacheren Kriminalroman nötig hätten als die hier vorliegende halbgare Commedia dell’Arte mit Figurenklischees – ein mittelalter Kommissar, eine Computerkennerin mit Piercings und eine Psychotherapeutin mit Methoden wie aus einer schlüpfrigen Phantasie wirken tatsächlich vor allem lächerlich.

          Davide Longo: „Die jungen Bestien“. Bramard. Kriminalroman. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner und Friederike von Criegern. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 416 S., geb., 22,– .

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