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Kriminalroman „Ein Leben lang“ : Der Erbe, seine Freunde und der tote Onkel

Keine unbeschwerte Jugend mehr: Poschenrieder hinterfragt in seinem Roman, wie Freunde auf den Mordverdacht reagieren. (Symbolbild) Bild: dpa

Was passiert, wenn ein Freund plötzlich als Mörder angeklagt wird? Christoph Poschenrieder hat sich ein wahres Verbrechen zur Vorlage genommen - den Münchner Parkhausmord.

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          „Kann ein Mörder unser Freund sein und bleiben? Oder, wenn du es noch mal zuspitzen willst: Können wir es mit unserem Selbstverständnis vereinbaren, dass einer von uns einen Mord begangen hat?“, fragt Sabine. Die Naturwissenschaftlerin beschreibt damit das Dilemma ihres Freundeskreises gegenüber einer Journalistin, die den alten Fall vom Mord am Parkhaus wieder aufrollen will. Was klingt wie einer der zahllosen Wahre-Verbrechen-Podcasts, die seit dem Erfolg der amerikanischen True-Crime-Sendung „Serial“ umstrittene Fälle wieder ausgraben, ist hier aber die Rahmenhandlung des Romans „Ein Leben lang“ von Christoph Poschenrieder.

          Maria Wiesner
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Der Autor spielt mit dem Format, hat er sich doch einen realen Fall zur Vorlage genommen: Ein reicher Unternehmer wird tot in seiner Penthouse-Wohnung aufgefunden, brutal ermordet. Mehr als zwanzig Mal soll der Täter zugeschlagen haben. Schnell fällt der Verdacht auf seinen Neffen, der die Geschäfte einmal übernehmen sollte, aber angeblich mit dem Onkel im Streit lag. Der junge Mann ist Teil eines engen Freundeskreises, der fortan jeden Verhandlungstag im Gericht ausharrt und irgendwann selbst beginnt, Ermittlungen aufzunehmen.

          Ein wahrer Fall aus München als Vorlage

          Wer in München lebt, kennt diese Geschichte unter dem Stichwort „Parkhausmord“. Im Mai 2006 gab es in einer Wohnung, die oberhalb eines Parkhauses lag, einen brutalen Überfall. Tatverdächtiger war der Neffe. Nur die Person, die mit zwei Dutzend Schlägen umgebracht wurde, war kein Onkel, sondern eine reiche Erbtante, die zur Münchner Society gehörte. Das machte den anschließenden Gerichtsprozess besonders für die Boulevardpresse spektakulär. Der Neffe sitzt bis heute im Gefängnis, ein Unterstützerkreis versucht seit Jahren, den Fall wieder aufzurollen und abermals verhandeln zu lassen.

          Christoph Poschenrieder: „Ein Leben lang“ bei Diogenes
          Christoph Poschenrieder: „Ein Leben lang“ bei Diogenes : Bild: Diogenes

          Die meisten Fakten, vom Parkhaus bis zum Freundeskreis, übernimmt der Autor in die Handlung seines Buches. Im Gegensatz zu den Wahre-Verbrechen-Podcasts geht es hier jedoch nicht um die möglichst genaue Rekonstruktion des Tathergangs. Der bei Boston geborene und mittlerweile in München lebende Poschenrieder versucht sich vielmehr in der Tradition von Truman Capotes Roman „Kaltblütig“, nimmt sich, wie jener Schriftsteller auch, die Fakten aus der Realität, verwebt sie jedoch mit Erfundenem zu Literatur.

          „Ein Leben lang“ interessiert sich dabei vor allem für die Psychologie, schaut also primär auf die Interaktion der Freunde, hinterfragt, was in einer Gruppe vorgeht, wenn plötzlich einer als Mörder verdächtigt und angeklagt wird, und will wissen, ob und wann diese Gruppe an solch einem Vorwurf zerbricht. So strukturiert sich das Buch recht nüchtern entlang des Recherchematerials der ermittelnden, namenlosen Journalistin, die lediglich anhand eingeschobener Memos zu Wort kommt. In denen wird auch die Erwartungshaltung konterkariert, dass ein Aufrollen eines alten Falls immer auch neue Erkenntnisse zum Mordfall ergeben muss („Der Verleger wünscht sich einen Skandal“).

          Die Kapitel tragen simple Überschriften: „Tatort“, „Tat“ oder „Spuren“. Was darin ausgebreitet wird, sind Gesprächsprotokolle mit dem Freundeskreis, die sich mal ergänzen, mal widersprechen, mal aufeinander antworten. Lügen werden entlarvt, Irrtümer aufgedeckt, Details wieder und wieder erläutert. Durch die Aneinanderreihung der Protokolle entsteht ein Dialog, ohne dass die Stimmen durcheinanderquasseln.

          Sie zeichnen vor allem ein Bild von der Jugend im Vorort. Sie erzählen von gemeinsamen Radtouren und einer Hütte am See, in der später um die Wahrheit gerungen wird. Sie ziehen aber auch die Parallele zu ähnlichen, realen Fällen, wie jenem der Amerikanerin Amanda Knox, der man in Italien vorgeworfen hatte, ihre Mitbewohnerin umgebracht zu haben. Wie bei Knox ist auch im realen Fall des Parkhausmordes die Schuldfrage längst geklärt. Poschenrieder will wissen, wie die Menschen damit umgehen.

          Christoph Poschenrieder: „Ein Leben lang“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2022. 304 S., geb., 25,– €.

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