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Krimis von Colin Dexter : Auf den Spuren von Inspector Morse

Meister seines Fachs: Colin Dexter. Bild: David Gadd/Allstar Picture Libra

Endlich liegen alle Krimis des Briten Colin Dexter wieder in deutscher Übersetzung vor. Es ist ein Wiedersehen mit dem legendären Inspector Morse. Aber nicht nur.

          5 Min.

          Das Hauptquartier der Thames Valley Police steht heute wie damals in Kidlington, einem sehr großen Dorf im Norden von Oxford. Beschaulich wird man das nennen dürfen, kein Ort für Verbrechen. Einen Katzensprung entfernt ist Blenheim Palace, das Schloss des 1. Duke of Marlborough, wo Churchill geboren wurde, der im Nachbardorf Bladon begraben liegt. Im Süden die altehrwürdige Universitätsstadt, die nicht zuletzt durch Colin Dexters dreizehn Romane und einen Erzählungsband einen prominenten Platz auf der Krimilandkarte bekam. Und bis heute Touristen anzieht, die auf den Spuren von Dexters Ermittler Chief Inspector Morse die Stadt durchkämmen.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Schuld an Dexters Laufbahn als Schriftsteller war ein verregneter Urlaub in Wales. Die im Ferienhaus vorhandene Bibliothek bot nur schwachbrüstige Krimikost, da beschloss Dexter aus Frustration, selbst einen zu schreiben. Dieses Debüt, „Der letzte Bus nach Woodstock“, erschien 1975. Eine spärlich bekleidete junge Frau wird auf dem Parkplatz eines Pubs in Woodstock ermordet aufgefunden. „Wie er Sexualmorde verabscheute!“, denkt Inspector Morse, um sich, während ein Sergeant namens Lewis Befragungen durchführt, um Mitternacht dem „Times“-Kreuzworträtsel zu widmen – 14 senkrecht Essenz der Potenz, drei Buchstaben. SEX. „Hübsche Definition, finden Sie nicht auch?“

          Ein cholerischer Inspector

          Dexter, Jahrgang 1930, stammte aus Stamford, zwei Autostunden nordöstlich von Oxford. Seine berufliche Laufbahn führte ihn nach einem Studium der Klassischen Philologie in Cambridge als Lehrer an diverse Schulen, bis ihn eine beginnende Taubheit zwang, sich als Mittdreißiger im Prüfungsamt der Oxforder Universität zu verdingen. Chief Inspector Morse ist, wie Dexter eingeräumt hat, eine halb autobiographische Figur, cholerisch, grüblerisch, eingefleischter Junggeselle mit Interesse am weiblichen Geschlecht, meistens zu viel rauchender, stets zu viel Bier trinkender Dechiffrierer der vertracktesten Fälle. Muss er auch sein, denn in wenigen Krimis wird die Polizei so hemmungslos hinters Licht geführt wie von den Vertretern der akademischen Welt Oxfords.

          Der Nachbar als Vorbild

          Konkrete Hinweise auf den Arbeitsalltag des Autors erhält man etwa in „Die schweigende Welt des Nicholas Quinn“ (1977). Dabei ist es keineswegs so, dass es zimperlich zuginge, Morse hat es mit enthaupteten Wasserleichen, Porno-Clubs, Drogen, teuflischen Priestern und immer wieder mit sehr verführerischen Frauen zu tun, aber Dexter spart sich Schusswechsel, Action-Stunts und Supermanauftritte, denn er erzeugt die Spannung lieber durch ein zunehmende Verkomplizierung des Plots nach dem Muster: Nichts lichtet sich, alles wird immer undurchsichtiger.

          Als Leser sieht man Morse beim Denken zu, kann ihm oft nicht folgen und sitzt am Ende vor einem Knäuel potentieller Täter und Täterinnen, das zu entwirren eben nur einer in der Lage ist. Die Figur, die der Autor seinen Lesern als Entlastung anbietet, ist die des Sergeant Robbie Lewis. Ein Mann mit Familienleben, ein guter Ermittler, der das Herz auf dem richtigen Fleck hat, aber nicht zu genialischen Denkwinkelzügen neigt. Das Rätsels Lösung bekommt Lewis stets erst am Ende des Romans serviert – meistens am Tresen eines Pubs.

          Dexter-Universum im Fernsehen

          Das Vorbild für den Inspector war Dexters Nachbar Sir Jeremy Morse, ein bedeutender Banker, der Lloyds sanierte, für die Bank of England arbeitete und Kanzler der Universität von Bristol war. Wie Dexter war Morse unter dem Pseudonym Esrom ein Kreuzworträtselerfinder – englisch: cruciverbalist – sowie ein bedeutender Schachkomponist. Dexter nannte ihn einmal den klügsten Kopf, den er je gekannt habe.

          Als Dexter am 21. März 2017 starb, trug ganz Oxford Trauer, im Randolph Hotel, dessen Bar der Autor gern und regelmäßig besucht hatte, wurde eine Vitrine mit allen seinen Büchern und Memorabilien eingerichtet, und der Portier ließ es sich angelegen sein, alle Gästen mit gebührendem Respekt auf den berühmten Stammkunden hinzuweisen.

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