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Krimi von Oliver Bottini : Das Geheimnis von gestern ist die Macht von heute

Rumänien: Die Kornkammern waren schon immer Gegenstand der Begierde. Bild: Case New-Holland

Oliver Bottini ermittelt in Rumänien und in Mecklenburg-Vorpommern. Sein jüngstes Werk zeigt, wie gut ein deutscher Krimi sein kann.

          4 Min.

          Am 8. April 2011 um die Mittagszeit auf der A 19 bei Rostock: Aus einem blauen Himmel kommen stürmische Böen mit mehr als hundert Stundenkilometern. Sie fegen den trockenen Sand von den Feldern auf die vierspurige Autobahn und verhüllen sie auf einer Länge von sechshundert Metern mit einer undurchdringlichen Sanddecke. „Die Höllenwand“ wird der „Stern“ später seine Rekonstruktion der Massenkarambolage überschreiben. Zweiundachtzig Fahrzeuge krachen ineinander, acht Menschen sterben, hunderteinunddreißig werden verletzt, zweiundzwanzig davon schwer.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Inmitten dieses Chaos beginnt Oliver Bottinis neuer Roman: Mit der Auslöschung einer jungen Familie, die auf dem Weg nach Dänemark in den Urlaub war. Der Vater, Michael Winter, folgt später seinem früheren Chef Jörg Marthen nach Rumänien, der sich dort seit Mitte der Nullerjahre zum Großgrundbesitzer aufgeschwungen hat. Zu Hause im fiktiven Dorf Prenzlin in Mecklenburg-Vorpommern war kein Bleiben für ihn gewesen, als sich die ehemaligen SED-Kader die Reste der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften unter den Nagel rissen.

          Jetzt kommt Marthens Konkurrenz in Neu-Prenzlin – so tauft er den Sitz seiner Firma JM Romania – aus Dänemark, Österreich und Saudi-Arabien. Alle sammeln sie möglichst große Flächen, die sie den Bauern zu überhöhten Preisen abkaufen und dennoch dafür sorgen, dass heute bereits vierzig Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Rumäniens nicht mehr in einheimischer Hand sind.

          Bottini hat etwas Außergewöhnliches getan

          Die beiden agrarindustriell geprägten Landstriche, der Nordosten Deutschlands und der Westen Rumäniens, liefern das gesellschaftliche Panorama, das Bottini in „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“ aufspannt. Der zweiundfünfzigjährige gebürtige Nürnberger, der in Berlin lebt, hat etwas Außergewöhnliches getan: Er hat seiner bewährten Freiburger Kommissarin Louise Boni freigegeben, ist nach Rumänien gefahren und hat dort ausführliche Recherchen angestellt, von denen das Buch ungemein profitiert. Ein umfangreiches Personenregister ist eine willkommene Hilfestellung.

          Die Handlung setzt in Rumänien ein, Ende September 2014. Kommissar Ioan Cozma betrachtet beim Inhalieren seiner Morgenzigarette das Flüsschen Bega – begradigt, zum Kanal degradiert, seine Sümpfe trockengelegt. Um Ackerland zu gewinnen. Damit ist der Blick auf Themen gelenkt, die den Roman grundieren: Monokultur, Landraub, Lebensmittelindustrie. Der Mittfünfziger Cozma selbst bliebe am liebsten bis zu seiner Pensionierung in einem der zahlreichen „stillen Winkel des Lebens“, in denen sich auch andere Figuren der Erzählung verkrochen haben.

          In der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn hätte man gesagt, Cozma habe „es sich gerichet“ – er möchte künftig unter dem Radar der Aufmerksamkeit operieren, keine spektakulären Fälle mehr übernehmen, sehen, ob er trotz dunkler Flecken auf seiner Weste den Ruhestand unbeschadet erreichen kann. Ähnliches gilt für seinen Mitarbeiter und engen Freund Cippo.

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