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„Der nasse Fisch“ als Comic : Alles ändern, um sich treu zu bleiben

Sieht aus wie nahes Donnergrollen: Ein Dunkelmann hat Gereon Rath verfolgt und wird gestellt. Doch dann geht’s rund. Bild: Carlsen Verlag

Frei und doch detailgetreu adaptiert: Arne Jysch macht aus Volker Kutschers „Der nasse Fisch“, dem ersten Band der erfolgreichen Krimi-Serie um den Berliner Kommissar Gereon Rath, einen Schwarzweiß-Comic.

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          Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Buch geschrieben, einen sehr erfolgreichen Krimi. Stellen Sie sich weiter vor, dann käme jemand, der Ihre Geschichte in eine andere Form überführen möchte, sagen wir, in einen Comic. Und dabei würde dann etliches geändert. Zum Beispiel gäbe es plötzlich Mörder, die bei Ihnen im Buch gerade nicht gemordet haben. Und es fehlten einige Hauptpersonen. Und die chronologische Abfolge des Geschehens würde verändert. Außerdem hätte Ihr in drei Teile gegliedertes Buch plötzlich deren vier. Oder um ein winziges, aber wichtiges Detail zu nennen: Das Geräusch eines Querschlägers würde zum profanen Donnerschlag eines Gewitters. Und schließlich würde nicht mehr multiperspektivisch erzählt, sondern aus der Sicht eines Ich-Erzählers. Wie würden Sie darauf reagieren? Ganz gewiss nicht wie Volker Kutscher, dem all das widerfahren ist und der aus vollem Herzen sagt: „Ich finde das Resultat großartig.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Volker Kutscher ist derzeit der erfolgreichste deutsche Krimiautor, seine 2007 begonnene Serie um den Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath umfasst bislang sechs Bände (neun sind insgesamt geplant) und wird gerade von Tom Tykwer als Fernsehserie namens „Berlin Babylon“ verfilmt. Kein Wunder, denn die Gesamtauflage geht in die Millionen; der erste Band, „Der nasse Fisch“, liegt als Taschenbuch in 48. Auflage vor. Kaum ein deutschsprachiges Buch aus jüngerer Zeit dürfte mehr Leser gefunden haben, und dennoch hat ausgerechnet dieser Roman in der jetzt bei Carlsen erschienenen Comicfassung all die strukturellen und inhaltlichen Änderungen erfahren, die oben genannt wurden – neben unzähligen weiteren.

          Änderungen notwendig

          Bearbeitet und gezeichnet wurde die Geschichte von Arne Jysch, der bislang erst einen größeren Comic veröffentlicht hatte: „Wave and Smile“, 2012 erschienen, die Geschichte eines Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Unmittelbare Gegenwart also, während „Der nasse Fisch“ im Jahr 1929 spielt. Doch Jyschs Idee, genau diese Geschichte zu adaptieren, ist älter als „Wave and Smile“: Vor sieben Jahren hatte er Kutscher deshalb erstmals getroffen. Beide verstanden sich auf Anhieb, und das, was der auch als Drehbuchautor tätige Jysch dann an Abänderungen vornahm, fand nicht nur Kutschers Zustimmung, der Schriftsteller erachtet es sogar als notwendig.

          Arne Jysch: „Der nasse Fisch“. Nach dem Roman von Volker Kutscher. Carlsen Verlag,  Hamburg 2017. 216 S., 17, 99 Euro.

          Wenn man wissen will, warum, nähert man sich der generellen Frage nach Möglichkeiten und Qualität von Adaptionen – durchaus auch über Comics hinaus. Deshalb ist es sinnvoll, die eingangs erwähnten Abweichungen jeweils auf die von Kutscher behauptete Notwendigkeit zu prüfen. Es beginnt mit der Erzählstimme, die nunmehr die von Gereon Rath ist, während der Kriminalroman eine auktoriale Erzählhaltung aufweist, die jeder Figur folgen, sich in jede hineinversetzen kann. Jysch wählt mit dem Ich-Erzähler ein charakteristisches Element der „Schwarzen Serie“, jener von Raymond Chandler und Dashiell Hammett begründeten amerikanischen Erzählweise von Kriminalgeschichten, die Kutscher selbst zu seinen größten Einflüssen zählt. In „Der nasse Fisch“ gibt es einen Meisterverbrecher, der den Namen „Marlow“ trägt, eine Reminiszenz an Chandlers Ermittler Philip Marlowe, aber zugleich über Marlows Unterweltnamen „Dr. M.“ auch doppelte Hommage an Fritz Lang und dessen Berlin-Kriminalfilme um Dr. Mabuse und „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Kutscher legt Wert darauf, dass niemand solche Anspielungen erkennen muss, aber ihm bereiten sie Spaß. Dass Jysch nun die markante Ich-Erzählstimme der Schwarzen Serie in „Der nasse Fisch“ einführt, schätzt er aber auch deshalb, weil dadurch eine Fokussierung erzielt wird, die der Comic braucht.

          Radikale Verdichtung

          Denn er ist nur knapp mehr als zweihundert Seiten lang, während der Roman fast 550 hat. Auch wenn manche Einzelbilder aufwendige Stimmungsbeschreibungen auf knappem Raum zusammenfassen können, ist die Faustregel hier ein Eins-zu-eins-Verhältnis: Die oben abgebildete Seite entspricht ungefähr einer Seite aus Kutschers Roman. Darauf ist übrigens jener Donnerschlag zu sehen, der den Querschläger ersetzte: Jysch steigert damit die visuelle Dramatik der Szene in einer düsteren Regennacht, die im Roman nur angedeutet wird. Das Querschlägergeräusch befeuert als literarisch dramatisierte Szene unsere Vorstellung vom Geschehen, der Donner dagegen unterstützt die Stimmung. Da wir leichter (und oberflächlicher) sehen als lesen, ist die Gefahr der Ablenkung und damit Stimmungszerstörung im Comic durch ein Detail wie eine fehlgeleitete Kugel groß.

          Jyschs Kürzung des Umfangs von „Der nasse Fisch“ um mehr als die Hälfte ist mit einer radikalen Verdichtung verbunden, dem Wegfall von Seitenaspekten. Deshalb fehlen hier aus dem Roman vertraute Figuren wie der Journalist Berthold Weinert und mit ihm der ganze Erzählstrang um die Wechselwirkung von Polizei- und Pressearbeit. Die Zeitungsmetropole, die Berlin 1929 war, kommt im Comic nur am Rand vor. Jysch konzentriert sich auf die Ermittlung und die politischen Aspekte von Kutschers Vorlage.

          Bedürfnis des Comics nach Eindeutigkeit

          Chronologische Änderungen tragen dieser Schwerpunktbildung Rechnung: Die bei Kutscher ständig parallel geführten tagesaktuellen Geschehnisse werden bei Jysch zusammengefasst in den Unruhen des Berliner „Blutmais“ von 1929. Im Roman liegen sie zeitlich vor dem Auffinden der ersten Leiche, im Comic spielen sie sich danach ab. Ein Krimi darf eben nicht zu lange auf seine erste Leiche warten lassen. Im Roman wird das dadurch vermieden, dass man aus der Sicht des Opfers gleich zu Beginn dessen Tod erzählt bekommt. Das hätte weder mit der Ich-Perspektive Gereon Raths noch dem weitgehend um die Vorgeschichte gekürzten Ablauf im Comic zusammengepasst. Also setzt Jysch nach der Vorstellung des Helden, die hier über einen im Roman nur erwähnten, aber nicht wörtlich zitierten Brief erfolgt, gleich mit der Entdeckung jenes Toten ein, der dann die polizeiliche Ermittlung auslöst.

          Die Gliederung in vier statt drei Teile erfolgte laut Jysch der Dramaturgie seines Comics wegen: Kurz vor dem Finale wird durch die jeden Teil einleitenden schwarzen Doppelseiten noch einmal eine Zäsur gesetzt, ein Atemholen möglich. Und dass eine im Roman herumirrlichternde Gräfin, die versucht ist zu morden, aber es nie tut, hier einmal doch kaltblütig schießt und tötet, zeigt ein Bedürfnis des Comics nach Eindeutigkeit, die ihm in diesem Fall gut zu Gesicht steht.

          Denn sein Charakteristikum sind natürlich die Bilder, die unser kollektives Gedächtnis ans Berlin der Weimarer Republik abrufen. Darum Schwarzweiß, obwohl Jysch und Kutscher sich den Comic zunächst farbig vorgestellt hatten (der ersparte Mehraufwand bei ohnehin schon vieljähriger Arbeit spielte natürlich auch eine Rolle). Hier trifft sich Kutschers Beschreibungsgenauigkeit mit Jyschs Bildgenauigkeit, gerade bei der Rekonstruktion konkreter Berliner Schauplätze. Comics können die opulentesten Szenenbilder auf einem Blatt Papier entstehen lassen, Tom Tykwer muss dagegen seine Kutscher-Fernsehadaption umständlich ausstatten lassen. Aber mehr noch wird es darauf ankommen, wie er die Vorlage seinem Medium gemäß zu verändern versteht. Die Messlatte liegt durch Jyschs Comic jetzt hoch.

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