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„Der nasse Fisch“ als Comic : Alles ändern, um sich treu zu bleiben

Radikale Verdichtung

Denn er ist nur knapp mehr als zweihundert Seiten lang, während der Roman fast 550 hat. Auch wenn manche Einzelbilder aufwendige Stimmungsbeschreibungen auf knappem Raum zusammenfassen können, ist die Faustregel hier ein Eins-zu-eins-Verhältnis: Die oben abgebildete Seite entspricht ungefähr einer Seite aus Kutschers Roman. Darauf ist übrigens jener Donnerschlag zu sehen, der den Querschläger ersetzte: Jysch steigert damit die visuelle Dramatik der Szene in einer düsteren Regennacht, die im Roman nur angedeutet wird. Das Querschlägergeräusch befeuert als literarisch dramatisierte Szene unsere Vorstellung vom Geschehen, der Donner dagegen unterstützt die Stimmung. Da wir leichter (und oberflächlicher) sehen als lesen, ist die Gefahr der Ablenkung und damit Stimmungszerstörung im Comic durch ein Detail wie eine fehlgeleitete Kugel groß.

Jyschs Kürzung des Umfangs von „Der nasse Fisch“ um mehr als die Hälfte ist mit einer radikalen Verdichtung verbunden, dem Wegfall von Seitenaspekten. Deshalb fehlen hier aus dem Roman vertraute Figuren wie der Journalist Berthold Weinert und mit ihm der ganze Erzählstrang um die Wechselwirkung von Polizei- und Pressearbeit. Die Zeitungsmetropole, die Berlin 1929 war, kommt im Comic nur am Rand vor. Jysch konzentriert sich auf die Ermittlung und die politischen Aspekte von Kutschers Vorlage.

Bedürfnis des Comics nach Eindeutigkeit

Chronologische Änderungen tragen dieser Schwerpunktbildung Rechnung: Die bei Kutscher ständig parallel geführten tagesaktuellen Geschehnisse werden bei Jysch zusammengefasst in den Unruhen des Berliner „Blutmais“ von 1929. Im Roman liegen sie zeitlich vor dem Auffinden der ersten Leiche, im Comic spielen sie sich danach ab. Ein Krimi darf eben nicht zu lange auf seine erste Leiche warten lassen. Im Roman wird das dadurch vermieden, dass man aus der Sicht des Opfers gleich zu Beginn dessen Tod erzählt bekommt. Das hätte weder mit der Ich-Perspektive Gereon Raths noch dem weitgehend um die Vorgeschichte gekürzten Ablauf im Comic zusammengepasst. Also setzt Jysch nach der Vorstellung des Helden, die hier über einen im Roman nur erwähnten, aber nicht wörtlich zitierten Brief erfolgt, gleich mit der Entdeckung jenes Toten ein, der dann die polizeiliche Ermittlung auslöst.

Die Gliederung in vier statt drei Teile erfolgte laut Jysch der Dramaturgie seines Comics wegen: Kurz vor dem Finale wird durch die jeden Teil einleitenden schwarzen Doppelseiten noch einmal eine Zäsur gesetzt, ein Atemholen möglich. Und dass eine im Roman herumirrlichternde Gräfin, die versucht ist zu morden, aber es nie tut, hier einmal doch kaltblütig schießt und tötet, zeigt ein Bedürfnis des Comics nach Eindeutigkeit, die ihm in diesem Fall gut zu Gesicht steht.

Denn sein Charakteristikum sind natürlich die Bilder, die unser kollektives Gedächtnis ans Berlin der Weimarer Republik abrufen. Darum Schwarzweiß, obwohl Jysch und Kutscher sich den Comic zunächst farbig vorgestellt hatten (der ersparte Mehraufwand bei ohnehin schon vieljähriger Arbeit spielte natürlich auch eine Rolle). Hier trifft sich Kutschers Beschreibungsgenauigkeit mit Jyschs Bildgenauigkeit, gerade bei der Rekonstruktion konkreter Berliner Schauplätze. Comics können die opulentesten Szenenbilder auf einem Blatt Papier entstehen lassen, Tom Tykwer muss dagegen seine Kutscher-Fernsehadaption umständlich ausstatten lassen. Aber mehr noch wird es darauf ankommen, wie er die Vorlage seinem Medium gemäß zu verändern versteht. Die Messlatte liegt durch Jyschs Comic jetzt hoch.

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