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Hundert Jahre Agatha Christie : Mord und Totschlag, auf britische Art

Peter Ustinov als Hercule Poirot in Michael Winners Film „Rendezvous mit einer Leiche“ (1988) Bild: akg-images / Album / CANNON FILM

Vor hundert Jahren erschien Agatha Christies erstes Buch. Die erfolgreichste Kriminalautorin aller Zeiten verwandelte den Detektivroman in ein Massenphänomen.

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          Es war kein leichter Anfang für die bürgerliche junge Dame, die mit Mitte zwanzig ihre ersten Schritte auf dem Gebiet der Literatur tat: Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen, sie hatte kürzlich erst geheiratet, bekam ihren Mann, einen britischen Jagdflieger, aber kaum zu Gesicht, und dann erinnerte sie sich irgendwann der albernen Wette mit ihrer älteren Schwester: Sie sei fest davon überzeugt, hatte Agatha Christie selbstbewusst erzählt, dass sie einen ordentlichen Detektivroman schreiben könne, das sei doch nicht so schwer.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Aber das schmale Manuskript mit dem Titel „The Mysterious Affair at Styles“ – deutsch „Das fehlende Glied in der Kette“, geschrieben im Kriegsjahr 1916 – wanderte von einem gleichgültigen Verleger zum nächsten, und zwischendurch mag die 1890 geborene Autorin es sogar vergessen haben. Dann aber kam doch noch eine Einladung nach London, und eine der bemerkenswertesten Karrieren der Weltliteratur begann.

          1920 brachte John Lane den Roman in den Vereinigten Staaten heraus, Anfang 1921 folgte die britische Ausgabe bei Bodley Head. Der finanzielle Ertrag des Buches war minimal, auf der offiziellen Agatha-Christie-Website ist die Rede von fünfundzwanzig Pfund. Erst nach der Veröffentlichung wurde der Autorin klar, dass ihr Verleger sie zu miserablen Konditionen für insgesamt fünf Bücher an sich gebunden hatte. Bei der ersten Gelegenheit wechselte sie zu William Collins – heute HarperCollins –, und diesem Verlag blieb sie treu.

          Die erfolgreichste Kriminalmanufaktur der Erde

          „Das fehlende Glied in der Kette“ gehört nicht zu den besten Werken von Agatha Christie, aber der Roman trägt unübersehbar das Wasserzeichen ihrer Kunst: das ruhige Provinz-Setting, die überschaubare Gruppe, die ausgetüftelte Planung und eine Vorliebe für Giftmord. Christie hatte während des Ersten Weltkriegs als Krankenschwester gearbeitet und das Mischen von Substanzen gelernt.

          Das Debüt präsentiert mit Hercule Poirot außerdem die wohl populärste Ermittlerfigur nach Sherlock Holmes: ein zarter, überaus sorgfältig gekleideter Belgier im Ruhestand, der sich allein auf seine „kleinen grauen Zellen“ verlässt und die logische Rekonstruktion des Tathergangs in den kalten Triumph der Rationalität verwandelt. Ein Staubfädchen auf der Jacke würde ihm größeren Schmerz bereiten als eine Schusswunde, wird über Poirot im allerersten Roman gesagt. Später bereute Christie, dass sie einen so betagten Herrn zum Ermittler gemacht hatte, denn so konnte sie ihn nicht zusammen mit seiner Umgebung altern lassen. Außerdem ging ihr der eingebildete Kerl auf die Nerven, doch weil sie ein Profi durch und durch war, ließ sie ihn weitermachen.

          Agatha Christie
          Agatha Christie : Bild: picture-alliance / dpa

          Innerhalb der nächsten Jahre mündete das beachtliche Debüt in die erfolgreichste Kriminalmanufaktur der Erde: sechsundsechzig Romane, Dutzende Storys und mit „Die Mausefalle“ die langlebigste Bühneninszenierung aller Zeiten. Mehr als eine Milliarde Christie-Bücher im englischen Original sollen verkauft worden sein, eine weitere Milliarde in hundert verschiedenen Sprachen der Erde. Wie oft die gerundeten Zahlen aktualisiert werden, weiß kein Mensch, es spielt wohl auch keine Rolle mehr. „Nach der Bibel und Shakespeare“, so die gängige Formulierung, ist Agatha Christie die meistverkaufte Autorin der Literaturgeschichte.

          So britisch wie der Brexit

          P.D. James, eine ungleich bessere Stilistin als die berühmte Vorläuferin, hat das Geheimnis dieser leichtverdaulichen, konstant ähnlichen Literatur treffend umschrieben: Agatha Christie „wusste genau, was sie konnte, und sie machte es gut“.

          Natürlich lassen sich vom Debütroman im Jahr 1920 viele Fäden in die Gegenwart spinnen. Einer wäre die geradezu mythische Dimension, die Film und Fernsehen den Christie-Detektiven verliehen haben. In der frühen Bundesrepublik prägte Margaret Rutherford das Bild der scharfsinnigen Miss Marple, obwohl sie nur in vier Verfilmungen auftauchte und die Figur – auch zum Missfallen der Autorin – kräftig überzeichnete. Joan Hickson, der Star der dreiundzwanzigteiligen britischen Fernseh-Version aus den achtziger Jahren, kam der stillen Miss Marple, die gern mit abgewandtem Blick und leiser Stimme über die Welt räsoniert, viel näher. Was Hercule Poirot betrifft, ist die Darstellerliste lang – von Peter Ustinov, Albert Finney und Austin Trevor bis zu John Malkovich, Kenneth Branagh und dem mutmaßlich unübertroffenen David Suchet.

          Ein weiterer Faden, den Agatha Christies Romane so kräftig gesponnen haben wie nichts und niemand sonst, ist die Verwandlung des Landhausverbrechens in ein britisches Identitätszeichen, das uns am Ende genauso viel über nostalgische Versponnenheit und nationalen Eigensinn verrät wie der Brexit. Dabei geht es nicht nur um die rein kriminalistischen und kriminologischen Züge des „Whodunnit“ mit seinen pedantischen Verhören, Uhrzeitvergleichen und Tatortbegehungen, sondern um das ideologische Gewicht einer eher absurden Annahme: dass in der englischen Provinz Mord zum Alltag gehöre und buchstäblich das Karussell des Lebens in Gang halte.

          Theologie des Kriminalromans

          Weil es einmal eine Agatha Christie gab, wundert sich niemand mehr darüber, dass in englischen Bibliotheken, Eisenbahnzügen, Theatergarderoben, auch auf Golfplätzen oder an Bushaltestellen ständig Leichen herumliegen. Glaubhaft wird uns versichert, Menschen würden mal eben so erstochen, erschlagen, erschossen oder vergiftet, weil das irgendjemandem gerade in den Kram passt. Natürlich geht es nur um den allermildesten Schauder – sehr genau wird die Leiche meist nicht beschrieben –, untergründig jedoch um die Wiederherstellung der alten Welt. Diese Eigenheit wurde als „Theologie des Kriminalromans“ bezeichnet: Mörder stört göttliche Ordnung; Detektiv kommt, um die Schäfchen zu mustern und das schwarze darunter herauszufinden; das böse Schaf wird aussortiert, damit die Herde wieder zur Ruhe findet.

          Es ist kein Zufall, dass die Christie-Verfilmungen den idyllischen Charakter der Dörfer, in denen die scheußlichsten Verbrechen stattfinden, durch Teestündchen, blühende Frühlingsbäume und die häufige Anwesenheit von Pfarrern und Postboten geradezu ostentativ herauskehren, denn dies ist der Zuschnitt des moralischen Universums, um dessen Wiederherstellung es in Christie-Büchern geht. So gesehen, sind traditionelle Kriminalromane nichts anderes als Spaziergänge im verlorenen Paradies.

          „Wenn du ein Buch schreiben willst, informiere dich, welchen Umfang Bücher haben, und richte dich danach.“ Dieser Ratschlag an junge Autoren steht in Agatha Christies Autobiographie, die 1977, ein Jahr nach ihrem Tod, veröffentlicht wurde. Damit spricht das tüttelig wirkende, aber von großer Resolutheit und lebenspraktischer Vernunft zeugende Buch eine Wahrheit aus, die noch viel mehr für Frauen vor hundert Jahren galt: Verändere die Welt, indem du dir ihre Regeln zunutze machst. Vielleicht wäre das der kräftigste Faden, der von Agatha Christies Werk in die Gegenwart führt. Ohne sie, die Pionierin in einem der erfolgreichsten Genres überhaupt, wären viele Autorinnen, Kommissarinnen und Ermittlerinnen schwerlich denkbar.

          Und wer wollte in einer Welt, in der manche Geschichte nur erzählbar ist, wenn ein Mord darin vorkommt, allzu genau zwischen Wirklichkeit und Fiktion unterscheiden?

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