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Thriller von John le Carré : Der Spion, der in die Kälte geht

Der Altmeister des Thrillers kann es noch immer: Schriftsteller John le Carré Bild: TOM JAMIESON/The New York Times/

John le Carré hat es noch einmal getan: Sein neuer Agententhriller „A Legacy of Spies“ belebt die berühmtesten Figuren des Autors neu, auch den legendären George Smiley.

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          Man sagt, dass in den letzten Augenblicken vor dem Tod das ganze Leben filmartig an einem vorbeiziehe. Wenn dem so ist, würde sich jener durch das verstärkte Bewusstsein der Endlichkeit angefachte Prozess des Erinnerns, des Zurückblickens und der Selbstbefragung über das, was war und hätte sein können, wie im Zeitraffer abspielen. Bei John le Carré findet dieser Prozess im Zeitlupentempo statt. Seit fast sechzig Jahren erkundet er insbesondere in seinen Romanen über den Kalten Krieg nicht nur die Psychologie der gebrochenen Weltmacht Großbritannien, das Spannungsfeld zwischen Idealismus und Realismus sowie die moralischen Ambiguitäten und Äquivalenzen des „lizenzierten Betrugs“, als den er die Agententätigkeit bezeichnet hat.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Le Carrés Spionagegeschichten sind aber auch eine Art von Selbstsuche. Am Anfang seiner schriftstellerischen Laufbahn, als er unter diplomatischem Deckmantel noch für den britischen Auslandsgeheimdienst tätig war, legte sich David Cornwell das Pseudonym Le Carré zu. In seinen Büchern wiederum ist der Autor Le Carré aber David Cornwell auf der Spur, der in verschiedene fiktive Figuren eingegangen ist. Le Carré eruiert dessen Ungereimtheiten, offenbart dessen verwundbare Stellen, lüftet dessen Überzeugungen und hinterfragt dessen Beweggründe. Wenn der Autor meint, Cornwell zu nahe zu treten, streut er dem Leser Sand in die Augen.

          Meister der Verschleierung

          John le Carré erweist sich immer wieder als Meister der Verschleierung, auch in seinem jüngsten Roman, „A Legacy of Spies“ (Das Vermächtnis der Spione), der gerade in Großbritannien erschienen ist. Er endet allerdings mit einem kristallklaren Bekenntnis, in dem sich Zorn mit Trauer vermengt. Überhaupt hat das Buch den Charakter eines wehmütigen Rückblicks auf ein sich dem Ende zuneigendes Leben. Der personale Erzähler ist ein betagter Mann, der sich in der Gegenwart nicht mehr zu Hause fühlt.

          „A Legacy of Spies“ ist noch einmal eine Reise in die Vergangenheit des Kalten Krieges. Der Roman dient zugleich als Vor- und Nachgeschichte zu jenem Täuschungsmanöver des britischen Geheimdienstes, das in Le Carrés erstem Bestseller, „Der Spion, der aus der Kälte kam“, mit der Erschießung des Agenten Alec Leamas und seiner arglosen Geliebten Liz Gold an der frischerrichteten Berliner Mauer endete. Mehr als fünfzig Jahre später stellt sich im neuen Buch heraus, dass beide jeweils ein uneheliches Kind hatten. Die Schadenersatzkultur, die Le Carré wie so viele andere Erscheinungen des Zeitgeistes zu beklagen scheint, veranlasst diese beiden Nachkommen, den zynischen, kokainsüchtigen Sohn von Leamas und die nach ihrer idealistischen Mutter kommende Tochter von Liz Gold, die britische Regierung zur Rechenschaft zu ziehen für den Tod ihrer Eltern.

          Zahlreiche Unwahrscheinlichkeiten der Handlung

          Die Akten sind bereinigt worden, die Geheimdienstanwälte müssen sich also anders behelfen, um schlagende Argumente für die Verteidigung zu liefern und einen Skandal zu verhindern. Und so wird Peter Guillam, der damals an der Operation beteiligt war, aus dem Ruhestand in der Bretagne in die neue Londoner Zentrale bestellt. Der ehemalige Adlatus des Meisterspions George Smiley soll die Lücken ausfüllen. Le Carré verwendet den Kunstgriff, das Buch in der Form einer Niederschrift Guillams zu verfassen, den er schon in „Der heimlich Gefährte“ eingesetzt hat.

          Zu den zahlreichen Unwahrscheinlichkeiten der Handlung von „Das Vermächtnis der Spione“ zählt, dass der Geheimdienst, ohne dass sich ein Vermerk zur Adresse fände, über all die Jahre hinweg jenen sicheren Unterschlupf mitsamt der Haushälterin aufrechterhalten hat, der bei der früheren Operation zum Schutz eines ostdeutschen Doppelagenten als Kommandozentrale gedient hatte. Guillam führt die Anwälte dorthin. In den dunklen Zimmern, in denen die Zeit stehengebleiben ist wie im Haus der sitzengelassenen Braut in Dickens’ „Große Erwartungen“, rekonstruiert der ehemalige Agent die Ereignisse von damals. Die dort in den Büchern versteckten Akten helfen ihm dabei auf die Sprünge.

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