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Thriller von John le Carré : Der Spion, der in die Kälte geht

Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart

Über diesem Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart liegt der lange Schatten von George Smiley, dessen Verbleib erst auf den allerletzten Seiten des neuen Buchs enthüllt wird. Smiley tritt hier als einer der Köpfe des Manövers in Erscheinung, obwohl er sich in dem ursprünglichen Roman in seinen Forschungen über das deutsche siebzehnte Jahrhundert vergraben hatte, weil ihm die Operation nicht behagte. „Er findet sie verwerflich. Er sieht die Notwendigkeit ein, aber er will damit nichts zu tun haben“, teilt der Geheimdienstchef, den Le Carré als Control in die Literaturgeschichte eingeführt hat, dem Agenten Leamas in „Der Spion, der aus der Kälte kam“ mit. Nun aber ist Guillam verdrossen darüber, dass er in die Mangel genommen wird. Dabei sei er doch nur ein naiver Untergebener gewesen. Drahtzieher seien vielmehr die „Großmeister der Täuschung“, George Smiley und dessen Vorgesetzter Control, gewesen.

Es ist das Privileg eines Autors, seinen Stoff nach eigenem Belieben bearbeiten zu können. Dem Leser verlangt Le Carré dabei allerdings eine willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit ab. Nicht die geringste Hürde, die dabei überwunden werden muss, ist das Alter der Protagonisten. Guillam dürfte unterdessen das Alter Le Carrés erreicht haben, der demnächst seinen sechsundachtzigsten Geburtstag feiert. Der pensionierte Spion wandert jedoch ebenso agil durch die Straßen Londons, wie sein literarischer Schöpfer mit der Feder umgeht. Guillam bildet sich sogar ein, den hünenhaften Sohn von Leamas überwältigen zu können, als dieser ihn mit einer Pistole bedroht. Bei Smiley überdehnt Le Carré allerdings die Vorstellungskraft. Er hat ihn schon einmal, in „Dame, König, As, Spion“, um mehrere Jahre jünger gemacht. Die historischen Begebenheiten lassen ihm jetzt wenig Spielraum. Der eulenhafte Intellektuelle, der das Gewissen eines gewissenlosen Dienstes verkörpert, muss um die hundert Jahre alt sein, als Guillam ihn schließlich in einer Freiburger Universitätsbibliothek aufspürt. Trotzdem springt der beleibte alte Herr, der mit seinen schlecht sitzenden Kleidern wie eine Karikatur seiner selbst geworden ist, auf die Füße, um seinen ehemaligen Schützling zu begrüßen.

Dürftig verkleidete innere Entladung

Le Carré hat „Der Spion, der aus der Kälte kam“ einmal als eine dürftig verkleidete innere Entladung bezeichnet, mit der er seiner Desillusionierung über die Geheimdienstwelt Ausdruck verliehen hat. „Das Vermächtnis der Spione“ gipfelt während der Wiederbegegnung der beiden Veteranen des Kalten Krieges in einer ähnlichen Entladung über die aktuellen politischen Missstände. Das Gespräch kreist um die im Kern von Le Carrés Büchern stehende Frage, ob der Zweck die Mittel heilige.

Control hat nie daran gezweifelt: „Ich meine, man kann ja schlecht weniger schonungslos als der Gegner vorgehen, nur weil die Politik der eigenen Regierung eine friedfertige ist, oder?“, lässt Le Carré die ihm offenkundig unliebsame Figur sagen. Smiley hingegen hat sein Leben lang darüber gegrübelt. Nun erklärt er, dass ihn bei dem schmutzigen Geschäft ein hehres Ziel getrieben habe: die Einheit Europas. „Wenn ich herzlos gewesen bin, war ich herzlos für Europa.“ Für ein Europa, das aus der Dunkelheit des Zweiten Weltkrieges in ein neues Zeitalter der Vernunft führen sollte. Mit einem verächtlichen Hieb gegen Theresa Mays Formulierung über den Weltbürger, der nirgendwo Bürger sei, macht Le Carré seiner bitteren Enttäuschung über den Brexit Luft. Rückblickend verleiht er Smileys Werk doch eine moralische Rechtfertigung: den Glauben, für eine höhere Sache gehandelt zu haben. Auch das ist ein Vermächtnis der Spione.

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