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Konferenz auf Faröer-Inseln : Die Hölle, das sind die Literaten

  • -Aktualisiert am

Die Faröer: Auf Inseln zu schreiben bedeutet nur auf den ersten Blick, sich Kleinheit und Isolation zu widmen. Bild: Gabriele Derouiche

Auf den Färöern diskutieren elf Schriftsteller aus aller Welt über das Leben und Schreiben als Insulaner. Das Eiland scheint Widersprüche magisch anzuziehen, das Meer scheint fast unerschöpflich.

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          Die Färöer-Inseln, ein Archipel von achtzehn grau-braun-grünen, weitgehend baumlosen Inseln zwischen Schottland, Norwegen und Island im Nordatlantik, scheinen so abgelegen, so weit entfernt von allem, dass es einfacher erscheint, von ihnen nicht direkt zu sprechen, sondern in Metaphern und Bildern: Sie erinnern, schreibt die Autorin Marjun Kjelnæs in ihrer Kurzgeschichte „Die Kette“, an die zerstreuten Perlen eines aufgegangenen Armbands; sie verhalten sich, wie es der färingische Nationalschriftsteller William Heinesen 1950 im Roman „Die verdammten Musikanten“ formuliert, „zum weiten Ozean ungefähr so wie ein Sandkorn zum Boden eines Tanzsaals“.

          Kein schlechter Ort offenbar, um das Reden und Schreiben auf und über Inseln zu erproben, und so trafen sich jetzt zu diesem Zweck in der färingischen Hauptstadt Tórshavn zwölf Schriftsteller zur Konferenz „Der Turm am Ende der Welt“. Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle irgendwo auf Inseln geboren worden sind, aus Island und Åland, aus Japan, Indonesien und den West Indies. Doch zugleich erwiesen sich die Inseln als Orte unerschöpflicher Ambivalenz, gar schlichter Widersprüche. Der isländische Schriftsteller Sjón sagte in seiner Eröffnungsrede, er und die anderen Autoren stammten von „Inseln, die Paradiese waren und Gefängnisse, Orte, von denen Menschen entkommen, und Orte, auf die sie sich retten wollen.“

          Weißes Papiermeer

          Inselgesellschaften seien sich ihrer Abgeschiedenheit ständig bewusst und so zu einer Reihe von Kompensationsstrategien gezwungen, erklärt der färingische Literaturwissenschaftler Bergur Rønne Moberg während eines Spaziergangs durch das neblige Tórshavn. Aufgrund dieser Abgeschiedenheit, des Mangels an Hinterland, Metropolen und Menschen, fürchte man ständig, zu verschwinden. Tatsächlich sind die Färöer das auf den Weltkarten am häufigsten vergessene Land. Auch auf Google Street View existierte es lange Zeit lediglich aus der Vogelperspektive – bis die offizielle Touristenorganisation des für seine Schafe bekannten Landes eben fünf dieser Tiere mit 360-Grad-Kameras ausstattete und die Aufnahmen unter dem Titel „Sheep View“ ins Netz stellte. Noch im selben Jahr schickte der Datenkonzern ein Kamerateam auf die Inseln.

          In der färingischen Literatur, so Moberg, der gemeinsam mit einigen anderen Literaturwissenschaftlern aus aller Welt ebenfalls die Inselkonferenz besuchte, seien ähnlich gewagte Kompensationsstrategien zu finden, um sich eigensinnig gegen das Verschwinden zu stemmen. Eine wichtige sei die Magie, wie in Heinesens „verdammten Musikanten“, wo der junge Orfeus, einer dieser Musiker, der Tórshavner Unterwelt durch die Hilfe der Phantasiegestalt Tarira entkommt. „Verzeihen Sie, dass ich schon wieder mit Heinesen anfange“, sagt Moberg im einzigen Park von Tórshavn an einer Statue von Tarira, die sie elegant und nackt auf William Heinesens Kopf tanzend abbildet, „aber sonst bleiben er und wir noch ewig unsichtbar.“ Der Park ist einer der wenigen mit Bäumen bepflanzten Orte auf den Inseln. Früher habe man von hier direkt auf Heinesens Haus blicken können, sagt Moberg. „Inzwischen ist die Sicht durch Bäume versperrt. Sehen Sie, genau deshalb mag ich keine Bäume.“

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