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Kommunikation unter Kriminellen : Auftragskiller inserieren nicht

Diego Gambetta hat ein brillantes Buch über Kommunikation unter Gangstern geschrieben. Es erklärt die ökonomische Theorie der Signale, den Karrieresprung durch langjährige Gefängnisbiographie und wie das Unterweltleben die Kunst nachahmt.

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          Manche sind Verbrecher von Beruf. Sie bewerben sich, durchlaufen eine Art Ausbildung, machen Karrieren, besitzen Klienten, deren Problem sie lösen, etwa durch Beschaffung von Rauschgift, oder sie machen ihnen ein Dienstleistungsangebot, das seine eigene Nachfrage schafft, weil es nicht abgelehnt werden kann. Sie haben allgemeine Geschäftsbedingungen, eigene Betriebswirte und eine Rechtsabteilung, sie pflegen ein Berufsethos, Beziehungen zu anderen Firmen derselben Branche und eine Unternehmenskultur. Dennoch fehlt seit Edwin Sutherlands Reportage mit dem schönen Titel „The Professional Thief. By a Professional Thief“ von 1937 eine gute Berufssoziologie der Kriminellen.

          Das Buch des Oxforder Soziologen Diego Gambetta über Kommunikation unter Gangstern ist ein brillanter Beitrag zu einer solchen Soziologie. Gambetta hat Dutzende von Autobiographien, ethnologischen Studien und Berichten der Ermittlungsorgane über das organisierte Verbrechen, vor allem in Nordamerika, Italien und Japan, studiert. Das Standardwerk über die sizilianische Mafia stammt von ihm, und auf seiner Website findet man eine umfassende Datenbank mit den Aussagen ehemaliger Mafiosi. Aus all diesen Materialien geht für ihn das Grundproblem des kriminellen Geschäftslebens hervor: dass es auf riskanter Kommunikation beruht, auf Mitteilung, die mit Geheimhaltung, also dem Gegenteil von Kommunikation, kombiniert werden muss. Kriminelle sind Geschäftsleute, die ein besonderes Marketingproblem haben, ein Kundenfindungsproblem, ein Personalrekrutierungsproblem.

          Theorie krimineller Signale

          Wie findet man etwa Kunden, die sich für gestohlenes Uran interessieren? Als 1991 eine Kanadierin aus den „Gelben Seiten“ die Adresse der Firma „Guns for Hire“ gefunden hatte und anrief, ob man nicht ihren Mann beseitigen könne, musste sie erfahren, dass der Laden auf Western Shows spezialisiert war, und wurde verhaftet. Auftragsmörder inserieren nicht. Aber was machen sie stattdessen? Gambetta entwickelt eine Theorie krimineller Signale, die zwei Kriterien erfüllen müssen: Sie sollten nur von denen verstanden werden, für die sie gemeint sind, und sie sollten nur von echten Kriminellen gesendet werden können.

          Das fängt bei den Geschäftsräumen an. Schon sie wirken selektiv und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, unter sich zu sein. Verbrecher pflegen sich an Orten aufzuhalten, die andere Leute eher meiden: heruntergekommene Gegenden, ethnisch homogene Milieus, bestimmte Bars, Boxstudios, Klubs, die voll sind, während die normale Bevölkerung arbeitet oder schläft. Die Gang in den „Sopranos“, der Fernsehserie, die wie eine Verfilmung von Gambettas Buch wirkt, sitzt etwa ständig vor einer Metzgerei und in einem Strip-Lokal herum und macht nicht den Eindruck, als könne man sich dazusetzen.

          Aufbau einer kriminellen Organisation

          Doch wie erkennen Mafiosi, dass unter denen, die sich trotzdem dazusetzen, keine verdeckten Polizisten sind? Dabei hilft ihnen, so Gambetta, der Staat. Denn die Gefängnisse sorgen nicht nur dafür, dass sie einander kennenlernen. Eine Gefängnisbiographie zu haben, ist auch eines der verlässlichsten Signale dafür, es mit dem Verbrechen als Beruf ernst zu nehmen. Die Kosten eines längeren Aufenthaltes im Knast dürften für die meisten verdeckten Ermittler zu hoch sein. Nur für jemanden, der länger einsaß, so ein schwedischer Berufsdieb, sei es problemlos, einen Hehler zu finden. Und ob jemand länger einsaß, ist im Verbrechernetzwerk schnell überprüft. Das Verurteiltwerden stellt insofern für Gangster auch einen Karrieresprung dar.

          Allerdings ist die Identifikation anderer Verbrecher nur die halbe Miete beim Aufbau einer kriminellen Organisation. Das zweite große Kommunikationsproblem der Gangster ist, wie sie einander trauen sollen. Und sie können, wenn einer ihrer Mitverbrecher sie hintergeht, ja auch schlecht die Polizei rufen. Gewaltandrohung allein, so Gambetta, ist zu wenig, weil sie das Vertrauensproblem nur einseitig löst: Wer glaubhaft drohen kann, dass er Betrug sanktionieren wird, von dem steht zu befürchten, dass er Gewalt auch einsetzt, um andere betrügen zu können. Stabile Kooperation kommt auf diese Weise nicht zustande.

          Dummheit hilft

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