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Leipziger Buchmesse : Überleben durch Lesen

Das war die Leipziger Buchmesse 2021: Anlesen gegen Corona und den Regen Bild: dpa

Das Gefühl, bei einer Autorenlesung endlich wieder unter Menschen zu sein, wenn auch wenigen: Die Buchmesse in Leipzig trotzt Corona und dem schlechten Wetter.

          3 Min.

          Leipzig Ende Mai – da sollte gutes Wetter garantiert sein. So dachte die hiesige Buchmesse, als sie im Sommer 2020 verkündete, ihren angestammten Mitte-März-Termin in diesem Jahr einmalig auf die letzte Maiwoche zu verlegen, um unter freiem Himmel auf dem Messegelände das bunte Publikumsspektakel durchführen zu können, das den besonderen Reiz dieser Veranstaltung ausmacht und unter Corona-Bedingungen in den Hallen unvorstellbar schien. Im Januar, auf dem Höhepunkt der zweiten Pandemiewelle, platzte dann der schöne Traum: Auch die diesjährige Buchmesse musste abgesagt werden. So traurig es damals war, als so berechtigt erwies sich im Folgenden die Entscheidung. Zuletzt bestätigte sie sogar noch der Leipziger Mai, der dem März nur eines voraushatte: Regen. Die Buchmesse unter freiem Himmel wäre ein Debakel geworden.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Man kann das an einer Zahl festmachen: fünfzehn. So viele Besucher kamen am ersten ursprünglich vorgesehenen Messetag, dem vergangenen Donnerstag, in den Clara-Zetkin-Park zur Lesung eines der populärsten deutschen Schriftsteller. Volker Kutscher, der Autor der Krimireihe um den Ermittler Gereon Rath, deren Verfilmung unter dem Titel „Babylon Berlin“ weltweit Furore gemacht hat, dürfte seit Jahren kein kleineres Publikum mehr erlebt haben.

          Eine der größten Veranstaltungen, die Lesung von Judith Hermann im Hof des Leipziger Literaturhauses, stand am Mittwochabend wetterbedingt gar vor dem Abbruch. Das wäre umso bedauerlicher gewesen, als die Autorin den angekündigten Stream der Veranstaltung verweigert hatte – sie schätzt keine Auftritte vor Kameras. Doch das Publikum trotzte den Unbilden der Witterung, und Judith Hermann trotzte mutig mit. Es hatte ja auch eigenen Reiz, in den Regensturmfluten der Leipziger Tieflandbucht an den ausgetrockneten Sommer an der Nordseeküste zu denken, den Hermann in ihrem neuen Roman „Daheim“ beschreibt.

          Die Mühe hat sich gelohnt

          Vor allem aber sorgte das Gefühl, überhaupt wieder unter Menschen bei einer Lesung zu sein, für unvergessliche Momente in Leipzig. Das kam den klassischen Schauplätzen solcher Veranstaltungen in der Stadt zugute. Im nur einen Kilometer von der Parkbühne entfernten Garten des Deutschen Literaturinstituts Leipzig (DLL) versammelten sich parallel zu Kutschers Auftritt rund hundertfünfzig Menschen, um früheren Absolventen zuzuhören. Eine Stunde zuvor hatten Mitarbeiter die bereits auf dem Rasen aufgestellten Stühle noch eilig in einen Unterstand gebracht, um sie vor einem vom Wetterdienst avisierten Schauer zu schützen. Das tat dem Besucherzustrom keinen Abbruch, denn das DLL verfügt über einen etablierten Mail-Verteiler.

          Kutscher dagegen hatte das Pech, dass die Parkbühne nicht als Ort für Lesungen etabliert ist und die Bekanntgabe der Termine von „Leipzig liest“, dem normalerweise gigantischen Begleitprogramm der Buchmesse, das in diesem Jahr mit einem Zehntel der sonst üblichen Zahl an Veranstaltungen übrig geblieben war, notgedrungen eher chaotisch erfolgt war. Erst eine Woche vor Beginn war die Genehmigung ergangen, von den vierhundert als Stream geplanten Lesungen ein Fünftel eingeschränkt für Publikum zu öffnen, der Großteil davon unter freiem Himmel.

          Die Zutrittsbedingungen wechselten zudem je nach Schauplatz bis zum letzten Moment. Testmöglichkeiten gab es nicht überall, und an einigen Orten, so etwa auch in der Parkbühne, war es verboten, Regenschirme mitzuführen – Regelungsrelikt eines Veranstaltungsorts, an dem zu normalen Zeiten Hunderte von Konzertbesuchern versammelt sind, die sich mit aufgespannten Schirmen die Sicht nähmen. Aber bei Lesungen? Zumal solchen, die unter Wahrung strenger Abstandsregeln abgehalten wurden?

          Die allgemeine Corona- und die spezielle Organisations-Verunsicherung haben also manche Veranstaltung von „Leipzig liest“ publikumsstatistisch zum Flop gemacht, aber die Mühe hat sich dennoch gelohnt. „Lasst uns lesen!“ lautete das Motto des Festivals – ein Überlebenssignal an die ganze Branche. Vor allem auch ein Überlebensmittel für die Autoren, denen unmittelbarer Austausch mit dem Publikum und ganz profan die Lesungshonorare gefehlt haben. Und Oliver Zille, der nimmermüde Direktor der Leipziger Buchmesse, war vier Tage lang unterwegs zu Lesungen, um den treuen Ausrichtern seinen Respekt zu zollen. So etwa dem seit dem tschechischen Buchmesseauftritt von 2019 veranstalteten Lesungszyklus „Echo Tschechien“, der mit vier Autoren ebenso viele ausländische Gäste versammelte, wie es Portugal schaffte, das diesjähriges Gastland hätte sein sollen und es nun 2022 wird. Da zeigte sich, wem die Leipziger Buchmesse nicht nur zur Schönwetterzeit etwas wert ist.

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