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Kommentar : Milosevics Zeuge

  • Aktualisiert am

Hat „viel geredet und gesehen”: Handke Bild: APA

Der Dichter Peter Handke soll vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zugunsten von Slobodan Milosevic aussagen: der Profi des „J'accuse“ als Zeuge der Verteidigung. Es wäre nur konsequent.

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          Als Peter Handke vor fast genau einem Jahr die Ehrendoktorwürde der Universität Salzburg verliehen wurde, gab er seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit bekannt: "Ab jetzt könnt ihr mich vor Gericht bringen, wenn ich noch einmal im Leben öffentlich auftreten soll."

          Das nahm man damals nicht ganz ernst. Doch nun zeigt sich, wie hintersinnig Handke in diesem Satz bereits sein Comeback vorbereitete. Er soll, wie das österreichische Magazin "News" unter Verweis auf den Belgrader Radiosender B-92 meldet, als einer von 1631 Zeugen vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zugunsten von Slobodan Milosevic aussagen: der Profi des "J'accuse" als Zeuge der Verteidigung.

          Handke hat zwar noch keine Vorladung erhalten, denkt aber über einen Auftritt nach: "Wenn eine kommt, werde ich überlegen, ob ich hingehe. Ich weiß nicht recht, wie ich entlasten könnte, weil ich ja kaum Zeuge unmittelbarer Kriegshandlungen war. Aber ich habe viel mit den Menschen geredet und viel mit eigenen Augen gesehen. Da könnte ich schon erwägen, etwas zu sagen."

          Obstbäume, kein Krieg

          Es ist sicher nur konsequent, daß Handke von seiner Rolle als gelegentlicher Prozeßbeobachter in den Zeugenstand wechselt. Was er allerdings auf dem Balkan während der neunziger Jahre mit eigenen Augen gesehen hat und was nicht, wissen wir aus seinen Reiseberichten, in denen viel vom Brotbacken und von Obstbäumen, von Ruhe und Frieden, aber wenig von Massakern und Massengräbern, von Krieg und Vertreibung die Rede war.

          Gerade war Handke abermals in Serbien. Ein Mitarbeiter von "News" hat ihn zu einer Trauerfeier in Varvarin begleitet, wo vor fünf Jahren Nato-Bomber bei einem Angriff zehn Zivilisten töteten. Vertreter der Opfer strengten später eine Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland an, die im Dezember in erster Instanz abgewiesen worden ist. Handke nun stiftete die Hälfte seines aktuellen Honorars für die bevorstehende Aufführung seines "Untertageblues" für die Opfer und versteht das vom Berliner Senat stammende Geld offenbar als eine Art Anzahlung auf die Entschädigungsforderungen.

          Himmelschreiendes Unrecht

          Der Tod der unschuldigen Einwohner von Varvarin ist zweifellos ein schreckliches Unglück, vielleicht sogar, betrachtet man die näheren Umstände des Luftangriffs, ein "himmelschreiendes Unrecht" (Handke). Doch die Geste würde man, wie jede Spende für einen guten Zweck, nur nobel nennen können, wenn der Schriftsteller nicht zugleich versuchte, zwei Dinge gegeneinander aufzurechnen. Dem begleitenden Reporter diktierte er in die Feder: "Solange die Leute von Varvarin nirgends auf der Welt eine Instanz haben, die ihnen zu ihrem Recht verhilft, verdient das Recht, vor allem das internationale, das Völkerrecht, nicht mehr seinen die Menschheit ehrenden Namen."

          Die Abweisung ihrer Forderung sei eine "Erniedrigung des Rechts selber - wie sie im übrigen heute - siehe Nato-Krieg gegen Jugoslawien, USA-Krieg gegen den Irak - scheußlich üblich geworden ist". Worauf das zielt, ist klar: dem internationalen Recht, und damit auch Den Haag, seine Legitimation abzusprechen unter Verweis auf das den Serben angetane Unrecht.

          Genau solche polemischen Kurzschlüsse wird sich auch Milosevic von Handke versprechen. Die wachsende Kritik an der amerikanischen Irak-Politik kann zusätzlich für eine nachträgliche Ächtung des Kosovo-Krieges instrumentalisiert werden. "Wo sind die heutigen Juristen? Wofür sind sie da?" fragt Handke scheinbar im Namen der Menschen von Varvarin. Doch wenn er wirklich zur Verteidigung eines Mörders wie Milosevic antritt, hat er das Recht zur Anklage endgültig verwirkt.

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