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Kommentar : Mangelware: Ullsteins Sparbücher

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Dem Geiz als Gebot der Stunde trägt der Ullstein-Verlag mit einer neuen Buchreihe Rechnung: Die „Sparbücher“ verzichten auf farbige Cover, auf Großbuchstaben und auf hochwertigen Druck.

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          Das Orwell-Jahr 1984 war ein gutes Jahr für die Verlagsbranche. Die Umsätze waren zufriedenstellend, die Zukunft des Buchs wurde keineswegs in apokalyptischen Farben ausgemalt. Bei dem Wort "Konzentration" dachte man noch zuerst an einsame Leser, und ein Begriff wie "Warenwirtschaftssystem" fand sich nicht einmal im Duden, geschweige denn im Wortschatz eines Sortimenters.

          Längst gehen die Uhren anders. Auch die Buchbranche leidet unter der pessimistischen Grundstimmung ihres Endverbrauchers, des Lesers. Der Geiz hat seinen Relaunch von der Todsünde zum Gebot der Stunde erfolgreich vollzogen. Die Deutschen trinken billigen Sekt statt des teuren Selters, anstelle eines guten Buchs auf den Nachttisch legen sie sich lieber das Ersparte unters Manufaktum-Kopfkissen und lassen sich von der raubkopierten Hör-CD in den Schlaf wiegen. Der gerade unter das Dach eines schwedischen Medienkonzerns geschlüpfte Ullstein-Verlag hat nun die Zeichen der Zeit erkannt und bietet in seiner neuen Reihe "Sparbuch" eine Auswahl aus dem Programm in reduzierter Ausstattung.

          Bücher „ohne Schnickschnack“

          Der Verlag zieht selbst den etwas heiklen Vergleich mit dem "No-name-Kaffee" im Supermarkt, wo der Inhalt, nicht die Verpackung zähle: Bücher "ohne Schnickschnack", Hausmarke sozusagen. Mit Reizen will man geizen und spart bei Großbuchstaben ebenso wie beim Druck. Schmucklos grau in grau präsentieren sich die stapelweise in den Buchhandlungen ausliegenden Taschenbücher, deren einheitliches Design eher an eine ausgebleichte Jumboschachtel "Lucky Strike" erinnert als an ein Buchcover. Die Bücher kosten drei oder vier Euro neunundneunzig und erinnern damit an ein goldenes Zeitalter, als ein Taschenbuch noch den Charakter eines Grundnahrungsmittels hatte und auch soviel kostete.

          Ein Blick auf die Titel läßt vermuten, daß die Sonderaktion ein erster Schritt sein kann auf dem Weg zur Wiederherstellung des Preisgefüges in den Grenzen von 1984: Weltliterarische Krönung der Reihe ist ausgerechnet George Orwells finstere Zukunftsvision. Bestsellerautoren wie Ake Edvardsson oder Stephen King, Harald Schmidts gesammelte Kolumnen oder Erich Fromms "Kunst des Liebens" deuten zwar auf eine zufällige Auswahl. Doch daß auch Hans-Olaf Henkel in dieser Reihe auftaucht, verrät volkserzieherische Nebenabsichten: In seinen Erinnerungen "Die Macht der Freiheit" führt der frühere Chef des Bundesverbands der deutschen Industrie zurück in die zupackende Zeit des Wirtschaftswunders und bricht eine Lanze für die Ausweitung der Konkurrenzkampfzone, die auch Michel Houellebecqs "Elementarteilchen" prognostiziert - ein Werk, das mit seinen düsteren Gentechnikvisionen nicht eben von Optimismus strotzt: Für meine Zukunft seh' ich grau.

          Tatsächlich entpuppt sich das "Sparbuch" derart als Gegenentwurf zur regenbogenfarbenen "edition suhrkamp". Doch den Gürtel-enger-Schnallern und ihren Trittbrettfahrern in den Verlagen sei hiermit gesagt: Wir wollen keine neue Gründerzeit, keine Askese und keinen Ja!-Kaffee. Sondern mehr Schönheit, Farbe, Phantasie. An Büchern soll es uns zuletzt mangeln.

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