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Kolumbianische Szene : Poesie ist hier magische Realität

  • -Aktualisiert am

Die Massen strömen: Szene vom diesjährigen Poesiefestval in Medellín Bild: Nora Gomringer

Wer das Poesiefestival in Medellín besucht, kann nur staunen über die Lyrik-Begeisterung in einer Stadt, die sonst doch vor allem als Ort der Gewalt wahrgenommen wird.

          Medellín feierte die „Inauguración“ vor viertausend lauschenden, ja begeisterten Zuhörern. Bei dreißig Grad und beständiger lauwarmer Brise saßen fünfzig Dichter aus beinahe ebenso vielen Ländern ihrem Publikum im Carlos Vieco Stadion gegenüber, und einer nach dem andern trat ans Mikrofon und sang, sprach artikuliert in den Zungen dieser Welt - bisweilen begleitet von Muschelhorn, Djembe, Tröte und Bravo-Rufen aus dem Publikum und jeweils tosendem Applaus.

          Andreas Neeser, geladener Schweizer Dichter, ist berührt und zugleich irritiert von den vielen Gästen an diesem Abend. Ob die sich wirklich alle für Lyrik oder das Happening drum herum interessieren? Jeder Dichter liest fünf Minuten zusammen mit seiner zugeteilten „kolumbianischen Stimme“, einem jungen Menschen, der als Freiwilliger das Festival unterstützt und die im Vorfeld angefertigten Übersetzungen oft in erstaunlich expressiver Weise und dabei auch den Ton des Dichters nachahmend, manchmal übertreffend, vorliest.

          In diesem Jahr steht das größte Poesiefestival der Welt, das 2006 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, im Zeichen des Geistes der indigenen Völker. So sind die ersten fünf Dichter des Abends allesamt Repräsentanten nationaler Minderheiten. Eine Inuit schwingt die Trommel und beschwört die Götter ihrer Vorfahren, der lautstarke Maori Apirana Taylor, der bei der vorausgegangenen Pressekonferenz angab, dass er das Festival auch besuche, um Gemeinschaft in der großen Familie der Dichter zu finden, bläst ins Horn und überzieht seine Bühnenzeit gründlich. Vertreter anderer Volksgruppen Kolumbiens und ganz Südamerikas, gewandet in traditionelles Tuch, treten auf.

          Ein Heer von Freiwilligen

          In dieser Runde verlassen sich die Dichter auf ihre selbstgewählten lyrischen personae, die die Poesie als magischen Türöffner zur Freiheit, zum Frieden definieren. Der Ton des Miteinanders dieses großen poetischen Chores ist sanft und gut eingestimmt, was auch an der verblüffend guten Vorbereitung des Festivals liegt: ein Heer von Freiwilligen schwirrt umher.

          Wer europäische Poesiefestivals kennt, ist überrascht und überfordert von der (Körper-) grenzenüberschreitenden Herzlichkeit. Sogar in seiner kurzen Eröffnungsansprache lässt der legendäre Festivalleiter Fernando Rendón eine verbale Umarmung nicht aus. Er begrüßt alle Dichter und Zuhörer mit der zur Poesierevolution gereckten Faust, um diese Geste in eine umfassende Umarmung zu führen, indem er alle Anwesenden als Teilhabende der Bewegung beschreibt, die Veränderung durch Poesie hervorrufen wird. Was soll verändert werden? Todos - einfach alles!

          Die irakische Dichterin Dunya Mikhail, die vor mehr als zehn Jahren als politische Asylantin nach Amerika ausgewandert ist, berichtet ein wenig abseits des Trubels, dass ihr eine ständige Glorifizierung der Lyrik als (auch) politische Waffe nicht immer eingeht, vor allem, weil sie selbst sich als in erster Linie nicht politische Dichterin definiert. Wie ehemals die Dichter der DDR haben auch die Dichter in Ländern ausgeprägter Zensur den Weg der „weißen Elefanten“ eingeschlagen.

          Das dient komplexer Weise auch der Perfektion von Lyrik und lyrischer Sprache, bedarf aber wohl ihres Ursprungskontextes, weil die Leser über einen gewissen Grad an „Informiertheit“ verfügen müssen, bestätigt auch Mindy Zhang, chinesische Dichterin, die vor kurzem auf dem „Poetry on the Road“-Festival in Bremen zu hören war. Insider schreiben für Insider. „Allemal“ bestätigt dies der australische Poet Philip Hammial, der aber wohl die Marginalität aller Poesie in seiner Wahlheimat Australien meint.

          Internationale Verbundenheit

          Zu seinen Lesungen kommen höchstens fünfzehn „Schläfer“, klagt der mit Preisen bedachte und deutsche Lyrik verschlingende Mann aus down under. Die Dichter der alten Welt, die noch schwanken zwischen Zustimmung und Abgeschrecktheit vor so viel unkontrollierter Intellektualitätsferne und intuitiver Emotionsnähe, die sich fragen, ob Folklore und Poesie wirklich problemlos Hand in Hand gehen können, werden ob aller Skepsis abgestraft, denn: Hier funktioniert alles. Das Wort alma fällt in jedem zweiten Satz, und diese heraufbeschworene Seele ist das Geheimnis des Festivals.

          Dichter, so scheint es, genießen die Gemeinschaft anderer Gleichgesinnter auf dieser Seite der Welt. Und das Publikum, geduldig und fünf Stunden lauschend ohne Unterbrechung, dankt seine Aufmerksamkeit vor allem den Dichtern, die eine politische Nachricht aussenden.

          Revolution, poetische Kraft und die Gewissheit einer internationalen Verbundenheit erschaffen eine Magie, die nun einen Ort und eine Zeit, folglich eine Realität kennt: Medellín, Stadt des immerwährenden Frühlings, während des Internationalen Poesiefestivals. Lesungen, Diskussionsrunden und Workshops schlängeln sich noch bis zum 29.Juni durch die ganze Stadt und bis nach Bogotá - fast alle Veranstaltungen finden unter freiem Himmel statt und reichen bei regem Publikumszuspruch bis tief in die Nach

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