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: Kolossalgemälde des Schreckens

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Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945. Propyläen Verlag, München 2002. 592 Seiten, 25,- [Euro].Das Schreckensbild des alliierten Bombenkrieges gegen deutsche Städte soll in das Geschichtsbewußtsein der nachgewachsenen Generation eingehämmert werden. Jörg Friedrich weiß, ...

          Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945. Propyläen Verlag, München 2002. 592 Seiten, 25,- [Euro].

          Das Schreckensbild des alliierten Bombenkrieges gegen deutsche Städte soll in das Geschichtsbewußtsein der nachgewachsenen Generation eingehämmert werden. Jörg Friedrich weiß, wie man sprachlich Wirkung erzielt, und so folgt sein Buch einer Dramaturgie, die von den im Bombenkrieg benutzten Angriffsmitteln und Angriffsverfahren über ein mit "Strategie" überschriebenes Kapitel hin zum Inferno führt. Dieses Inferno spielte sich in der Luft unter den Bomberbesatzungen, vor allem aber unten auf der Erde unter den Menschen in den Städten Deutschlands ab. Die Darstellung endet mit einigen allgemeinen Bemerkungen über Phänomene der Schutz-, Überwachungs- und Propagandamaßnahmen, der Reaktionen der Menschen und der Rettungsmaßnahmen für Kulturgüter.

          Sogar komplizierte technisch-wissenschaftliche Dinge, wie sie zur Zielauswahl, Zielfindung und zum Bombenwurf gehören, werden anschaulich erläutert. Im Schwunge griffiger Wortwahl leidet aber hin und wieder die Präsentation der Fakten. Während der Luftkrieg zutreffend als Abfolge wechselseitiger wissenschaftlich-technischer Vorsprünge beschrieben wird, übersteigen Vereinfachungen zuweilen das Hinnehmbare. Richtig ist, daß als Reaktion auf die deutschen Leitstrahlverfahren zur Zielfindung das sehr präzise, wenn auch entfernungsmäßig beschränkte britische "Oboe"-Zielverfahren entstand; aber aus "Oboe" wurde gerade nicht "Würzburg" entwickelt, also das deutsche Nahortungs- und Flakzielgerät. Dieses Gerät gab es schon lange vor dem "Oboe"-Verfahren.

          Die Stadt Anklam war nicht - wie der Autor meint - "unbeabsichtigt" der Zerstörung anheimgefallen, sondern sie war von vornherein Ausweichziel, falls das dort ansässige Flugzeugwerk nicht gefunden werden konnte. Der Beginn der britischen strategischen Bomberoffensive gegen Deutschland war nicht am 11., sondern am 15./16. Mai 1940. Die amerikanische Tagesoffensive im Februar 1944 richtete sich nicht gegen die deutsche Flugzeugindustrie als solche, sondern gezielt gegen die Jägerfertigung. Bei der Behandlung der Angriffe auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945 fällt eine gewisse Zurückhaltung auf, wenn man von der sehr plastischen Schilderung der Zerstörung absieht. Vielsagend heißt es über die Elbwiesen, wohin sich viele geflüchtet hatten, nur lapidar: "Darauf prasselte ein Großteil der Munition der Folgeattacke." Prasseln bringt man eigentlich eher mit MG-Munition in Verbindung. Aber Tieffliegerangriffe mit Maschinengewehren gab es dort an diesen beiden Tagen nach neuesten Erkenntnissen nicht.

          So ist mancher Irrtum, manche Unklarheit in dem Buch enthalten. Wichtige Literatur wurde nicht zur Kenntnis genommen, so zum Beispiel das Werk von Alfred C. Mierzejewski: "Bomben auf die Reichsbahn", das die eminent wichtige Rolle der Zerstörung des deutschen Bahnverkehrs in der letzten Kriegsphase für den endgültigen Zusammenbruch des "Dritten Reiches" beleuchtet. Wichtig wäre ein Blick in Richard Overys "Why the Allies Won" gewesen. Overy zeigt, daß die Bombardierung unschuldiger Zivilisten in deutschen Städten durchaus gewaltige negative Auswirkungen auf die deutsche Rüstungswirtschaft und die militärische Widerstandskraft hatte und von einem die Ethik ausklammernden Standpunkt für die Alliierten nicht "vergebens" war. Man vermißt im Buch eine gründliche Ausleuchtung der hinter dem Bombenkrieg "verborgenen" Überlegungen und Absichten, die bei den Amerikanern und anfangs auch bei den Engländern keineswegs primär immer nur auf das Töten von Zivilisten abzielten. Die "Zerstörungs- und Tötungstrunkenheit" ist aber wohl der Grundtenor des Buches, dem alles untergeordnet wird. Entsprechend wird zuwenig differenziert - auch zwischen den Vorgängen in den Konzentrationslagern und im Bombenkrieg.

          Sachlich bringt das Buch nichts, was man nicht schon seit Jahrzehnten in der einschlägigen wissenschaftlichen - auch der amtlichen - angelsächsischen und deutschen Literatur hätte lesen können. Insbesondere ist auf die vielen lokalen Beschreibungen des Luftkrieges "von unten", also der Leiden der Zivilbevölkerung in den deutschen Städten, zu verweisen. W. G. Sebalds Klage, das Luftkriegsgeschehen sei in Deutschland noch nicht literarisch bearbeitet worden, beruht auf Unkenntnis der Materie - es sei denn, er meint mit "literarisch" etwas ganz Bestimmtes, das nun Friedrich liefert. Im Hauptteil des Buches, das ein Kolossalgemälde des Schreckens darstellt, werden die fürchterlichen Szenen, die in allen zerstörten Städten einander ähneln, immer und immer wiederholt.

          Der Bomber galt bei allen größeren Mächten als neue technische Waffe, deren Besitz und Stärke einen nationalen Vorteil über andere bedeutete, den man sich durch internationale Vereinbarungen nicht aus der Hand winden lassen wollte. Der Vorteil wurde vor allem in der Umgehung des blutigen Stellungskampfes wie im Ersten Weltkrieg durch Umfassung über die dritte Dimension und direkte Zerstörung der gegnerischen Kraftzentren im Hinterland gesehen. Abgesehen von den bestehenden humanitären Grundauffassungen des Gewohnheitsvölkerrechts gab es für den strategischen Bombenkrieg noch kaum vertragliche Regelungen. Einschlägige Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung wurden nicht von allen Staaten ohne weiteres auf diese Art des Bombardements übertragen. Es herrschte allgemein die Auffassung, daß militärisch relevante Ziele wie Fabriken und Kasernen in Städten möglichst im Rahmen der Verhältnismäßigkeit angegriffen werden durften, weil sonst jeder kriegsteilnehmende Staat seine Truppen und Fabriken durch Verlagerung in Wohngebiete schützen konnte.

          Franklin D. Roosevelts Appell bei Kriegsbeginn 1939, die Zivilbevölkerung bei Luftbombardements zu schonen, stimmten die damaligen Kriegsparteien unter der Voraussetzung zu, daß es ihrem jeweiligen Ermessensurteil unterliege, wann ein Gegner gegen die herkömmlichen Grundsätze verstoßen habe. Somit war der Eskalation des Bombenkrieges Tür und Tor geöffnet. Je länger der Zweite Weltkrieg dauerte, je erbitterter er sich ideologisch gestaltete, desto mehr trafen sich die Hauptluftmächte von sehr unterschiedlichen Ausgangspositionen her und aus den verschiedensten Gründen auf dem untersten gemeinsamen Nenner: dem des Terrorluftkrieges gegen die Zivilbevölkerung.

          Nur in der britischen Luftkriegsdoktrin gab es schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg die Regel, unbotmäßige Stämme - also Zivilisten - auch aus der Luft zu bekämpfen, allerdings nach vorheriger Warnung. Der Nachweis, daß Aufsässige in den Mandatsgebieten Irak und Palästina sowie in Nordwestindien durch wenige Bomber viel kostengünstiger in Botmäßigkeit gehalten werden konnten als durch wochenlange Infanterie-Expeditionen in der Wüste gehörte zur Überlebensstrategie der jungen Royal Air Force Anfang der zwanziger Jahre (damals sollte sie übrigens auf Druck der älteren Teilstreitkräfte Marine und Heer wieder aufgelöst werden). Es wäre einmal zu untersuchen, ob aus dieser Kolonialerfahrung der Royal Air Force eine bestimmte Mentalität entstanden ist, die sich möglicherweise auf den Bombenkrieg gegen Deutschland übertrug. Als weiterer Faktor kommt hinzu, daß sich das demokratische und hochindustrialisierte Großbritannien besonders der Interdependenz zwischen Industrie, Militär, Volk und Regierung sowie der Bedeutung der arbeitenden Bevölkerung als Waffenproduzenten bewußt war. Daher wurde der Demoralisierung - das heißt der Brechung des Widerstandes der gegnerischen Zivilbevölkerung durch Zerstörung von Verkehrs- und Versorgungsanlagen sowie von Wohnhäusern - höchste Priorität beigemessen. So blieb es bei den Flächenangriffen auf Deutschlands Städte, auch nachdem das Bomber Command der Royal Air Force im Verlauf des Zweiten Weltkrieges genauere Zielverfahren entwickelt hatte.

          Der deutschen Luftwaffe werden heutzutage in der Bundesrepublik noch die Luftangriffe auf Guernica, Warschau, Rotterdam und Coventry fälschlicherweise als bewußte Terrorangriffe vorgehalten, obwohl Hermann Görings Teilstreitkraft ein solches Vorgehen zunächst nur als Ausnahme in Form der - bald allerdings öfter strapazierten - völkerrechtlichen Repressalie kannte. Nach dem Ausbrennen von Lübeck und Rostock und auf Befehl Hitlers nahm die Luftwaffe im Frühjahr 1942 mit den "Baedeker"-Angriffen auf historische englische Städte in voller Absicht den unterschiedslosen Bombenkrieg auf - trotz Bedenken wegen der militärischen Unsinnigkeit, jedoch aus Mangel an Flugzeugen nur für kurze Zeit. Diese Art der Bombenkriegführung wurde 1944/45 vor allem durch die V-Waffen-Offensive fortgesetzt.

          Die Vereinigten Staaten bevorzugten ab 1943/44 ungenaue, mittels Radar geleitete Bombardierungen durch die Wolkendecke, wobei der gruppenweise Abwurf für große Streuung sorgte. Mit dem konventionellen Brandbombenangriff auf Tokio am 10. März 1945 und mit den beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 erreichte der unterschiedslose Bombenkrieg seinen Höhepunkt. Die amerikanische Doktrin kannte Terrorbombenangriffe nur bei einem bereits taumelnden Gegner, dessen Fall beschleunigt werden sollte, um noch größere eigene Verluste bei einem sich weiter hinziehenden Krieg zu vermeiden. Die technischen Möglichkeiten der Bomberwaffe stellten für die Kriegführenden eine Versuchung dar, die dann die moralischen Bedenken weit in den Hintergrund drängten.

          Friedrichs Buch ist nur bedingt wissenschaftlich verläßlich, besitzt aber durch die Formulierungskunst des Autors eine große Durchschlagskraft. Der Rezensent fragt sich nach der Lektüre nur, wie einem Autor zumute ist, der auf Hunderten von Seiten ständig durch Ströme von Blut und Berge von zerfetzten Leibern watet. Vieles ist der Bildersprache des Fernsehens entlehnt. Ist das etwa der einzige Weg, um den lesefaul gewordenen Deutschen eine der leidvollsten Phasen ihrer Geschichte nahezubringen? Vielleicht kann das Werk bisher vorhandene Forschungsergebnisse "von unten", also die vielen lokalgeschichtlichen Untersuchungen zum Bombenkrieg, einprägsam ergänzen.

          HORST BOOG

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