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Lob der Kleinverlage : Sie machen die Literatur reich – nicht umgekehrt

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Bild: Wagenbach

Für Iwan Gontscharows Antihelden Oblomow, den vielleicht größten Faulpelz der Literaturgeschichte, haben sie eine noch radikalere Kur: „Er macht Industrie, er wird Unternehmer und macht Liebe!“ Die beiden Herren sind Vertreter eines neuen Mega-Verlagskonzerns, wirken indes wie ein Immobilienhai und ein russischer Inkasso-Eintreiber. Letzterer ist gerade auch dabei, Thomas Manns „Zauberberg“ umzuschreiben. Sein Plan: „Weg mit Krankheit, weg Schwindsucht und Tuberkulose, rein Feen und Berggnome. Naphta und Settembrini zwei Elfen, was sonst für Zauberberg, sage ich?“

So unwirklich wie dem Leser erscheinen diese Spukgestalten der Buchindustrie zunächst auch der Hauptfigur der Erzählung: Die heißt Giorgio Volpe und wird als einer der bedeutendsten Schriftsteller Italiens vorgestellt. Er hat zu Beginn der Geschichte gerade ein Romanmanuskript abgeschlossen, das er für sein bestes hält, eine italienische Familiengeschichte aus der Zeit des Faschismus – und nun sitzen die beiden Optimierer mit aufgeklapptem Notebook auf seinem Sofa und wollen sie zur Veröffentlichung in einen Nazi-Porno umschreiben. Volpe hält das für einen Witz, doch als er versucht, seine Lektorin und seinen Verleger, Weggefährten über viele Jahre, zu erreichen, muss er feststellen, dass diese für seinen Verlag nicht mehr arbeiten, ja dass es diesen Verlag schon gar nicht mehr gibt. Stattdessen gibt es ein Unternehmen namens Sigma, in dem bestens manikürte, aber literarisch ahnungslose Rezeptionistinnen schalten und walten und in dem die neue Ober-Chefin die Traditionsautoren der geschluckten Verlage in „Produktcodes“ verwandeln will: Das heißt, sie müssen fortan Kochbücher oder Fußballer-Biographien anstelle von Romanen verfassen. Im Zuge der Umstrukturierung des gesamten Buchmarkts wird italienische Literatur fortan durch den Begriff „Kommunikation in heimischer Mundart“ ersetzt.

Als Volpe dieses kulturelle Horrorszenario fliehen will und versucht, seinen Roman bei einem noch unabhängigen Kleinverlag unterzubringen, nimmt die Geschichte eine thrillerhafte Wendung, die an Science-Fiction nach Art des „Circle“ von Dave Eggers erinnert und in ein unheimliches Ende mündet.

Vieles an der Satire ist so krass überzeichnet, dass man sich tröstend sagen mag: So schlimm ist es ja noch nicht! Aber ihr Grundstoff ist eben doch der Wirklichkeit entnommen, einer Wirklichkeit, die nicht nur in Italien zu einer Konzernisierung der Verlagsbranche und zum Verschwinden editorischer Standards und belletristischer Traditionspflege führt, ja zum Verschwinden der Sprachpflege überhaupt. Die Karikatur der banalisierten und sensationalisierten Inhalte, die Manzini hier zeichnet, hat zudem nicht nur auf dem Buchmarkt, sondern besonders im (Online-)Journalismus schon heute traurigen Realitätsgehalt. Die Genese eines „Spitzentitels“ immerhin, wie sie diese Erzählung am Ende beschreibt, vermag zu belustigen.

Wer es vielleicht einmal selbst versuchen will mit einem Spitzentitel, der findet in diesem Buch ein passendes Rezept: „Abenteuer ja. Krankheiten nein. Scheidung nein. Sex viel. Mit Tieren ja. Mann und Frau ja. Frau mit Frau ja. Mann mit Mann nein. Sie verstehen?“ Wenn man sich so anschaut, was für Bücher heute massenhaft in den Schaufenstern der verbliebenen Buchhandlungen dekoriert werden, kann einem das Lachen aber auch im Halse steckenbleiben. (Jan Wiele)

Antonio Manzini: „Spitzentitel“. Aus dem Italienischen von Antje Peter. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017. 80 S., geb., 15 Euro.

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