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Lob der Kleinverlage : Sie machen die Literatur reich – nicht umgekehrt

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Karumidzes Fest der Liebe

Gleich zu Beginn fragt der Erzähler sich und seine Leser, was es eigentlich mit der Liebe auf sich habe, zitiert den einschlägigen Korintherbrief und den nicht weniger einschlägigen Jazz-Standard „You don’t know what love ist“, streift die griechische Mythologie und die Naturkunde, um dann rasch auf den historischen Kern des Romans loszusteuern: Es geht um einen Mord, der am 5. Juni 1901 in Tiflis verübt wurde. Das Opfer war eine knapp vierunddreißigjährige gebürtige Norwegerin namens Dagny Juel, die mit dem polnischen Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski verheiratet und mit ihrem fünfjährigen Sohn Zenon und ihrem Liebhaber Wladyslaw Emeryk in die georgische Metropole gereist war.

Bild: Weidle

Einen „Seelenvampir“ nennt der Erzähler die Frau, die er zur Hauptfigur seines Romans macht, eine, die „sexuelle Angst in die zerstörerische Ästhetik des Fin de Siècle“ verwandelt habe und dergleichen mehr. Was sich an Mythen um Dagny Juel rankt, die Affären mit zeitgenössischen Berühmtheiten wie Edvard Munch, August Strindberg oder dem Verfasser von „Quo Vadis“, Henryk Sienkiewicz, unterhielt, greift er auf, spinnt die Fäden weiter, scheut keinen Umweg und landet schließlich in einer phantastischen Geschichte um das romantitelgebende „Fest der Liebe“, einberufen in Tiflis von Schamanen, die die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts vorausahnen und verzweifelt versuchen, sie auf diese Weise zu verhindern. Eine Rolle spielen dabei das georgische Nationalepos, der Heilige Gral, ein ewiger Wettstreit zwischen Löwen und Leoparden, der Naturphilosoph Wascha-Pschawela, der junge Stalin und natürlich Dagny Juel.

„Unglücklicherweise ist das Liebesmahl von Tiflis gescheitert, durch Nachlässigkeit und einen schmutzigen Trick falscher Schamanen“, schreibt der Erzähler verheißungsvoll ebenfalls zu Beginn des Romans. Dass wir einer höchst fragwürdigen Stimme lauschen, einem obsessionsgetriebenen Erzähler, der sich gern in Halluzinationen hineintrinkt, wird rasch deutlich, und aus der sich dadurch notwendig aufbauenden reservierten Haltung des Lesers und den immer neuen Volten des Erzählers, der offensichtlich um den Leser ebenso kämpft wie um ein Bild von Dagny, entwickelt der Roman einen eigenen Reiz.

Unterbrochen ist die Handlung, die im Juni 1901 in Tiflis spielt, durch Rückblicke auf Dagnys Leben, die erkennen lassen, welches verhängnisvolle Beziehungsgewebe zwischen ihr, ihrem Mann und ihrem späteren Mörder sowie einer Fülle weiterer Personen schon vor dem Aufbruch nach Georgien bestand, was zugleich immer wieder die Frage aufwirft, wie zwangsläufig die Entwicklung war, die dann zum Mord an Dagny führte.

Der georgische Autor Zurab Karumidze, geboren 1957 in Tiflis und ausgewiesener Jazzkenner, schrieb „Dagny“ 2011 ursprünglich auf Englisch, so dass mit dieser Übersetzung das Buch kurioserweise auf Deutsch vorliegt, nicht aber in der Muttersprache des Autors. Vielleicht richtet es sich aber auch gar nicht so sehr an die Georgier selbst: Wer jedenfalls im Jahr des georgischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse als Fremder einen Blick auf populäre Mythen und Gestalten der Geschichte des Landes werfen will, vermengt mit haarsträubenden, geradezu Sterne-haften Abschweifungen zur Sprache und Kultur, der findet davon hier reichlich. (Tilman Spreckelsen)

Zurab Karumidze: „Dagny oder Ein Fest der Liebe“. Roman. Aus dem Englischen von Stefan Weidle. Weidle Verlag, Bonn 2017. 288 S., br., 23 Euro.

Das Geheimnis des Spitzentitels

In der Kürze liegt die Würze – das gilt oft insbesondere für die roten Leinen-Bände des Wagenbach-Verlags, die schon manche Weltliteratur enthielten. Auf die Idee, umfangreiche Werke der Weltliteratur einzudampfen und nach Lust und Laune umzuschreiben, damit sie dem aktuellen Zeitgeist entsprechen, würde man in diesem Verlag aber wohl glücklicherweise nicht kommen. In der vorliegenden Satire des 1964 in Rom geborenen Antonio Manzini wird diese Idee dafür umso überspitzter ausgeführt: Da brüsten sich zwei vermeintliche Optimierer der Verlagsbranche damit, wie sie im Sinne einer neuen Lesbarkeit berühmte literarische Werke neu auflegen. Aus Tolstois „Krieg und Frieden“ etwa wird kurzerhand der Krieg gestrichen, denn: „Man darf dem Leser keine Angst machen!“, außerdem erscheint ihnen, man könne auch den französischen Anfang streichen, es geht auch „ohne Waterloo, kürzer. Nur dreihundert Seiten.“

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