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Klassiker der Comic-Literatur : Gebrauchsanleitung für den Corto-Kosmos

Bild: Castermann

Wenn es eine Geschichte gibt, die den Namen Comic-Roman verdient, dann „Die Südseeballade“ von Hugo Pratt - der Beginn der Abenteuerserie um den Seemann Corto Maltese.

          Meisterwerke brauchen bisweilen Zeit, um sich durchzusetzen. Und Hugo Pratt konnte von Glück reden, daß es im Falle von „Corto Maltese“ nur wenige Jahre dauerte. Denn fast hätte ihn der ausbleibende Erfolg des ersten Abenteuers der Serie ruiniert.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dabei hatte alles so gut begonnen: Im Juli 1967 erschien in der Debütnummer des italienischen Comic-Magazins „Sgt. Kirk“ die erste Fortsetzung einer Erzählung, die den Titel „Una ballata del mare salato“ (Eine Südseeballade) trug. Pratt hatte noch keine Ahnung, wohin ihn die Geschichte führen würde, mußte es auch gar nicht wissen, denn der Gründer der Zeitschrift war ein Bewunderer seiner Comics und hatte „Sgt. Kirk“ nur ins Leben gerufen, um Pratts Werk auch im heimischen Italien bekannt zu machen. Bislang hatte der Zeichner vor allem in Südamerika gearbeitet, und dort gehörte er zu den festen Größen im Comic-Geschäft.

          In Europa war das anders. Auch wenn Pratt mit seinen Arbeiten sowohl in England wie in Italien regelmäßig in Zeitschriften und Zeitungsbeilagen präsent war, kannten nur Eingeweihte seinen Namen. Sein Stil stach in den sechziger Jahren nicht hervor, weil er am klassischen Vorbild des Amerikaners Milton Caniff geschult war, der durch den Belgier Jije und dessen Schüler auf dem Alten Kontinent verbreitet worden war. Auch die „Südseeballade“, die einzige Geschichte, die Pratt eigens für „Sgt. Kirk“ zeichnete, stand zu Beginn noch in dieser Tradition.

          Wahrer Schaffensrausch

          Im zweiten Heft des Magazins fehlte die erwartete Fortsetzung des Abenteuers; erst für die vierte Ausgabe raffte Pratt sich wieder auf, brachte die Geschichte dann aber in einem wahren Schaffensrausch bis Februar 1969 auf nie zuvor dagewesene 170 Seiten. Sein Erzählstil wurde dabei immer elegischer, in die anfangs noch schlagartige Handlungsabfolge schlichen sich Schilderungen ein, die ohne Belang für das eigentliche Geschehen, aber immens wichtig für dessen Stimmung waren.

          Pratt arbeitete nolens volens an einer Neudefinition dessen, was man unter Abenteuercomic verstand - er griff auf Joseph Conrad, Robert Louis Stevenson und Herman Melvilles Vorbilder zurück, als es um die Ausgestaltung seiner Südsee ging. Von diesen Romanciers lernte er, wie stimulierend Abschweifungen sein konnten, um dem Leser die exotische Kulisse glaubhaft zu vermitteln. Plötzlich gab es zum Beispiel seitenlange stumme Sequenzen unter Wasser, in denen Pratt nur noch Schemen aufeinandertreffen ließ: Ein Kampf zwischen Mensch und Hai fand so zu beinahe abstrahierter Form.

          Das Meer war sein Held

          Doch aus der Fülle des eigenen Materials in „Sgt. Kirk“ stach die „Südseeballade“ nicht hervor, zumal sich Pratt den Luxus geleistet hatte, auf einen ausgewiesenen Helden zu verzichten. Das Meer war sein Held, und auf ihm trafen sich ein halbes Dutzend Akteure, deren Handeln von jeweils unterschiedlichen Interessen bestimmt war: der Freibeuter Rasputin, der deutsche Marineleutnant Slütter, die jungen Geschwister Pandora und Cain Groovesnore, der geheimnisvolle Monaco, der von einer unbekannten Insel aus Kaperfahrten befehligt, und schließlich der Seemann Corto Maltese.

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