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Klassiker der Comic-Literatur : Gebrauchsanleitung für den Corto-Kosmos

Davon profitiert auch die Ausgabe unserer „Klassiker-Bibliothek“, die die einzelnen Bildformate erhalten konnte, ohne das ursprünglich größere Seitenformat zu übernehmen. Pratt hatte dafür gesorgt, daß er mit denselben Geschichten auf dem vielfältigen lateinamerikanischen Markt in den unterschiedlichsten Heften gedruckt werden konnte. Dieser Pragmatismus setzte sich auch in der Motivwahl seiner Abenteuer fort: Um nicht auf nationale Stereotypen zurückgreifen zu müssen, die eine Veröffentlichung in anderen Staaten erschwert hätten, siedelte er seine Geschichten gerne in fernen Gegenden oder vergangenen Zeiten an. Und Corto Maltese selbst ist ein Globetrotter, der in seinem Charakter Einflüsse aus allen wichtigen Weltkulturen versammelt - nicht umsonst dichtete ihm Pratt eine Zigeunerin als Mutter und jüdische Ahnen an, ließ ihn chinesische Weisheiten ebenso sicher zitieren wie europäische Literatur und gestand ihm polyglotte Fähigkeiten in einem Ausmaß zu, das ähnlich dreist ansonsten nur von Karl May für seine Erzähler in Anspruch genommen worden war.

Der Blick sucht die Weite

„Corto Maltese“ befriedigt in der Tat ähnliche literarische Interessen wie Karl May - im Guten wie im Schlechten. Doch im Comic zählt auch noch die Graphik, und die ist über jeden Zweifel erhaben. Pratt hat die Not einer ausufernden Produktion - er behauptete, insgesamt mehr als fünfzehntausend Seiten gezeichnet zu haben - zur Tugend erhoben, indem er die immer wiederkehrenden Posen seines Kapitäns zum Stilelement erhob. Die nur minimal variierten Profil- und Frontalansichten verleihen den einzelnen Bildern etwas Emblematisches. Der Blick von Corto Maltese geht bisweilen über die Bildgrenzen hinaus, fixiert den Betrachter oder scheint jene Weite zu suchen, die man als Leser von einer Geschichte namens „Südseeballade“ erwarten darf. Dann aber wieder zeichnet Pratt seinen Helden als in sich selbst versunkenen Mann, dessen halbgeschlossene Lider alle Konzentration auf die innere Stimme lenken.

Mit dem Monaco, dessen Gesicht unter der tiefen Kapuze seiner Kutte nie gezeigt wird, hat Pratt einen idealen Gesprächspartner für Corto Maltese geschaffen. Beide Männer sind von Geheimnissen umgeben, hinter beiden steht eine dunkle Vergangenheit, und doch ist selbst der Pirat Monaco eine Figur, die beim Leser Sympathie erweckt - weil er einem in der Romantik begründeten literarischen Archetyp entspricht, der in der Titulierung als Mönch genauso herbeizitiert wird wie in dessen freiwilligem Exil auf einer Insel, die auf keiner Landkarte verzeichnet ist.

Die Farbgebung unserer Ausgabe entspricht natürlich nicht dem Original, das in „Sgt. Kirk“ ja schwarzweiß abgedruckt wurde. Die Beschäftigung seiner wechselnden Gattinnen und Gespielinnen als Koloristinnen war ein subtiler Köder beim Liebeswerben von Pratt. Doch dieser amouröse Antrieb hat zur Herausbildung einer eigenständigen Farbkunst beigetragen, in der sich Pratt versucht hat. Denn um die persönlichste aller seiner Serien kolorieren zu lassen, entwickelte er seine eigene Aquarellmalerei zu großer Virtuosität. Nun entstanden begleitende Illustrationen zu den jeweiligen Buchprojekten, die zugleich auch als Muster für die Stimmungen dienten, die er in der Farbgebung ausgedrückt sehen wollte. Keine andere Serie hat sich dadurch ihren Werkstattcharakter über Jahrzehnte hinweg so sehr bewahrt wie „Corto Maltese“.

Hugo Pratt: Geboren am 15. Juni 1927 in Rimini, gestorben am 20. August 1995 in Pully (Schweiz). Als Pratt zehn Jahre alt war, zog seine Familie aus Venedig ins italienisch besetzte Abessinien um, wo der Vater 1942 in einem Internierungslager starb. 1945 arbeitete Pratt, nach Italien zurückgekehrt, als Teil des „Gruppo Venezia“ erstmals als Comic-Zeichner. 1949 wanderte er nach Argentinien aus, wo er einer der meistbeschäftigten Illustratoren Südamerikas wurde. Erst 1962 ging er wieder nach Venedig zurück. Mit der französischen Publikation seiner schon 1967 in Italien begonnenen Serie „Corto Maltese“ wurde er in den siebziger Jahren berühmt. Fortan sollte er sich bis 1992 fast ausschließlich diesem Zyklus widmen. Bis zu seinem Tod gelang Pratt dann noch die Fertigstellung einiger einzelner Abenteuercomics, die aber erst postum veröffentlicht wurden.

Corto Maltese: Der junge Seefahrer wurde von seinem Schöpfer Hugo Pratt nach und nach mit einer kompletten Biographie ausgestattet, wobei der größte Teil davon nicht in den Comics, sondern in Begleittexten und -büchern zur Serie zu finden ist. Am 10. Juli 1887 auf Malta geboren, ging Corto Maltese schon als junger Mann auf große Fahrt. Später sollte man ihn mit seinem zwielichtigen Partner Rasputin in allen Krisengebieten der Welt treffen. Im Jahr 2000 kam der nach der Vorlage des Abenteuers „Corto Maltese in Sibirien“ gestaltete hervorragende Zeichentrickfilm „Corto Maltese - La Cour secrete des arcanes“ in die französischen Kinos.

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