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Klassiker der Comic-Literatur : Gebrauchsanleitung für den Corto-Kosmos

Doch gerade die Überraschung, aus dem Ausland Anregungen in einer Kunstform zu erhalten, in der sich die Franzosen längst führend wähnten, mag zur immensen Wirkung der „Südseeballade“ entscheidend beigetragen haben. Pratt genoß dabei einen winzigen Zeitvorteil, denn in Amerika entwickelte Will Eisner, dessen Werk wir in dem in zwei Wochen erscheinenden dreizehnten Band unserer Comic-Klassiker vorstellen werden, gerade das Prinzip der „graphic novel“. Manche Begriffe liegen in der Luft: Die französische Kritik, immer schon ambitioniert in ihrer Terminologie, rief unter dem Eindruck von Pratts „Südseeballade“ ein neues Genre namens „roman B.D.“ aus - den Comic-Roman.

Literarisches Vexierspiel

Pratt nahm die Bezeichnung begeistert auf. Von nun an betrieb er in seinen Comics ein literarisches Vexierspiel und stilisierte sich selbst immer mehr zum Abenteurer eigenen Rechts - als Wiedergeburt der großen Voyageure. Seine erstaunliche Kindheitsgeschichte, die ihn nach Abessinien und in die Wirren des Krieges geführt hatte, wurde ebenso in einen wohlkonstruierten persönlichen Mythos einbezogen wie seine venezianische Abstammung von einer angeblich alteingesessenen jüdischen Familie. Pratt begann dementsprechend damit, in seine Serie kabbalistische Motive einzuführen, er plünderte darüber hinaus den Sagenschatz ganzer Kulturen und ließ Corto Maltese auf eine Fülle von historischen Figuren treffen, darunter zum Beispiel der Schriftsteller Hermann Hesse oder der im russischen Bürgerkrieg engagierte Baron von Ungern-Sternberg.

Nun kam Pratt die eigene Unrast zugute, die ihn zeit seines Lebens zum Reisen trieb. Aus seinen Fahrten quer durch alle Kontinente brachte er immer neue Ideen mit, und da er mit unersättlichem Lese- und Kinoappetit ausgestattet war, wurde „Corto Maltese“ zu einem eklektischen Gesamtkunstwerk. 1969, kurz nach dem Abschluß der „Südseeballade“, besuchte er den Victoriasee und besichtigte dort das Wrack des deutschen Kreuzers „Königsberg“, der im Ersten Weltkrieg von den Briten gesprengt worden war. Was schon zur Vorlage für den Film „African Queen“ geworden war, gab nun auch die Anregung für eine Kurzgeschichte in dem 1978 erschienenen Band „Die Äthiopier“ ab. Was Pratt jemals beeindruckte, hatte gute Chancen, in den Corto-Kosmos aufgenommen zu werden: Die Biographie des deutschen Generals Lettow Vorbeck etwa, der in Afrika bis zum letzten Tag des Krieges gekämpft hatte und von dem Pratt als Kind in einem Geschichtsbuch gelesen hatte, inspirierte ihn mehr als zwanzig Jahre nach dieser Lektüre zu seinem Leutnant Slütter aus der „Südseeballade“.

Kühles Kalkül

Dennoch beruht der Charme der Serie mehr auf der kruden Faszination ihres Autors fürs Phantastische als auf den hochgelehrten Motiven, die Pratt in den Begleitmaterialien freigebig ausbreitete, die er seit den achtziger Jahren den Publikationen beigab. Dem Reiz des Exotischen und Esoterischen zum Trotz darf aber nicht übersehen werden, wie kühl Pratt als Zeichner kalkulierte. Seit seinen südamerikanischen Jahren (1949 bis 1962) hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Comic-Seiten architektonisch derart aufzubauen, daß man sie ohne Kürzungen auf verschiedene Formate ummontieren konnte.

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